Wenige Minuten später war die Gruppe bereit. Vor der Tür – die Luft noch kühl, der Himmel blass – sammelten sie sich.

Zrago führte sie ans andere Ende des Dorfes und deutete auf eine kleine Hütte. Jaron gab mit knappen Handzeichen die Befehle:Ausschwärmen. Alle Zugänge sichern. Keine Tötungen. Zrago und ich zur Tür.

Stille. Jeder bezog seine Position.

Kapitel 3

Torre stand am hinteren Fenster, den Hammer in der Hand – bewusst nicht das Schwert. Es sollte keine Todesopfer geben.

Dann ein lautes Klopfen.

Jarons Stimme: „Aufmachen – im Namen des Klosterfürsten!“

Das Fenster vor Torre flog auf – ein Mann sprang heraus. Reflexartig schlug Torre zu. Der Hammer traf das Knie im Moment der Landung. Ein Knacken, ein Schrei – der Mann sackte zu Boden, jammernd, das Bein zerstört.

Kampflärm ertönte vorne und von der Seite. Torre blieb wachsam.

Plötzlich sprang Farin – der Faun – durch das Fenster. Messer in der Hand, direkt auf Torre zu.

Ein schneller Schildblock. Torre schlug zurück – Farin wich aus und rannte los.„Er flieht!“, rief Torre und setzte nach. Doch der Faun war schnell – zu schnell.

Torre geriet in Rückstand. Rüstung gegen Hufe.

Dann ein Schrei. Farin brach zusammen. Ein Pfeil steckte in seiner Hüfte.

Er fluchte, wollte aufstehen – doch Torre war über ihm, stellte den Fuß auf seinen Rücken.„Liegen bleiben – oder es wird schlimmer.“

Kara trat neben ihn, den Bogen in der Hand. Gemeinsam fesselten sie Farin und brachten ihn zurück zur Hütte.

Dort lagen bereits zwei Männer und eine Frau – alle verletzt. Der Dorfheiler kümmerte sich um sie. Jaron und Zrago standen abseits im Gespräch.

Minuten vergingen.

Dann trat Jaron zur Gruppe.„Zrago und ich sind uns einig. Der Faun kommt mit uns zum Kloster. Die anderen werden hier im Dorf abgeurteilt – wegen Diebstahls und Mordes.“

Er sah in die Runde.„Gute Arbeit von allen. Kara – du begleitest uns. Eine Pause vom Kundschafterdienst.“

Die Pferde wurden geholt. Wenn sie gleich aufbrachen, würden sie Tabasta noch in dieser Nacht erreichen.

Der Ritt war zügig, aber entspannt. Kara und Wergo ritten vorneweg – vertraut, beinahe fröhlich.

Jaron kam neben Torre geritten.

„Gute Arbeit“, sagte er knapp. Dann, mit ruhiger Stimme:„Was dich und Hegra betrifft – behandle sie gut. Sie hat früher viel durchgemacht. Sie verdient etwas Glück… natürlich nur, wenn ihr beide gerade frei habt.“Ein kaum wahrnehmbares Grinsen.

Torre wollte antworten, doch Jaron war schon bei Umar, im nächsten Gespräch.

Rückkehr

Weit nach Mitternacht erreichten sie Tabasta. Farin kam in eine Zelle.Die Gruppe verabschiedete sich kurz – dann gingen alle in ihre eigenen Kammern.

Nachbesprechung

Am folgenden Morgen versammelte sich die Gruppe zur Nachbesprechung im Innenhof des Klosters. Jaron wirkte zufrieden – und das sagte er auch.

„Gute Arbeit, diszipliniert, sauber – keine Toten trotz Widerstand. So soll es sein.“

Dann verteilte er neue Aufgaben:

„Kara – vorübergehend zur Stadtwache. Torre – zurück zu Kalimba, deine Ausbildung geht weiter. Der Rest – Klosterwache, vorerst. Wenn’s ruhig bleibt, bekommt ihr freie Tage.“

Sechs Tage vergingen im Fluge. Torre wechselte zwischen Lernen bei Kalimba und hartem Training mit Brock. Gebete, Rituale, Schwertübungen, Meditation – der Körper wie der Geist wurden gefordert.

Hegra hatte vier Tage Tagesdienst. Die Abende verbrachten sie zusammen – doch nicht mehr nur zu zweit. Hegra führte Torre in ihren Freundeskreis ein: Kara, Wergo, Leron, Razgar – ein rauer zwergischer Schmied – und Loreana, eine stille, kluge Elfe und Heilerin.

Man lachte, trank, erzählte Geschichten. Torre fühlte sich angenommen. Die Welt schien friedlich.

An den letzten beiden Tagen hatte Hegra Nachtdienst. Torre besuchte sie auf der Mauer – doch diesmal blieben sie draußen. Kein Turm, kein Risiko. Nur Gespräche und Blicke.

Tagsüber traf Torre sich mit den Männern aus Hegras Umfeld – sie würfelten, redeten, tranken. Kameradschaft wuchs. Er genoss es – und baute sich etwas auf.

Am siebten und achten Tag hatten sie frei. Der Würfelabend wurde lang – sehr lang.

Der achte Tag – Mittag.

Hegra war es, die Torre weckte. „Na? Spaß gehabt? Ohne mich?“ Sie lächelte – herausfordernd. „Ja… aber heute gehör ich bis morgen ganz dir“, murmelte Torre verschlafen und grinste.

Kaum hatte er sich angezogen, standen Kara und Wergo bereits vor seiner Kammer – mit einem Picknickkorb.

„Wir wollen raus vor die Mauer. Kommt ihr mit?“

Vor der Mauer

Die vier saßen auf einer flachen Wiese, etwas abseits des Wegs. Sie redeten, lachten, teilten Brot und Käse, und genossen die Sonne, die über der Steppe stand. Dann wurde Hegra plötzlich still.

Sie sah Torre an. Ihre Stimme war ruhig, aber schwer.

„Ich möchte dir etwas über mich erzählen. Etwas, das bisher nur Kara, Wergo – und Jaron wissen.“

Sie zögerte, atmete tief durch. Torre legte ihr sanft den Arm um die Schulter.

„Du musst mir nichts sagen“, flüsterte er.

„Aber ich will.“ Sie schloss kurz die Augen. Dann sprach sie weiter.

„Du hast vielleicht Gerüchte gehört… Ich habe einiges durchgemacht. Vor allem mit Männern. Es begann, als ich noch sehr jung bei der Wache war. Weit weg von hier. Ich war auf Patrouille – mit drei alten, unangenehmen Kameraden. Männer, die mich wie Beute betrachteten.“

Ihre Stimme bebte.

„Im Wald – sie wollten mich. Haben versucht, mich festzuhalten, zu… nehmen. Ich konnte fliehen. Aber ich verlief mich. Tage allein im Wald. Als ich zurückkam, wurde ich verhaftet – wegen Fahnenflucht. Niemand wollte hören, was wirklich passiert war. Es folgten Gefängnis… und Verbannung. Immerhin – keine Hinrichtung.“

Torre hielt sie fester. Sie lehnte sich an ihn.

„Danach… jahrelang hatte ich Angst. Vor Nähe. Vor Männern. Dann glaubte ich, jemand Besonderen kennengelernt zu haben. Charmant, aufmerksam, zärtlich. Wir hatten Spaß – auch im Bett. Ich dachte, es wird gut.“

Ein bitteres Lächeln.

„Bis ich ihn mit einer Freundin sah. Als ich ihn stellte, lachte er nur. Sagte, ich könne ihn ja eh nicht allein glücklich machen. Ich habe meine Sachen gepackt. Bin gegangen. Nur meinem Hauptmann hab ich noch Bescheid gesagt – damit ich wenigstens *eine* Sache richtig beende.“

Sie wischte sich über die Augen.

„Dann kam ich hierher. In Tabasta. Hier habe ich keine Männer mehr in mein Leben gelassen. Wenn die Lust zu groß wurde, bin ich geritten – drei Tagesreisen weit. Eine Taverne. Eine Nacht. Und zurück. Ohne Namen, ohne Worte. Ich war… eigennützig. Distanz war mein Schutz.“

Ein langer Atemzug.

„Und dann kamst du. Ich war überrumpelt. Schockverliebt. Ich kenne nur meine direkte Art – und wusste nicht, wie ich damit umgehen soll. Jetzt weißt du es.“

Sie weinte. Kein Schluchzen, kein Drama – nur Tränen, die liefen.

Torre sagte nichts. Er hielt sie einfach. Sanft. Stark. Nah.

Nach der Offenbarung

Kara und Wergo sagten nichts – doch ihre Blicke sprachen Bände. Sie kannten Hegras Geschichte, und trotzdem war da diese Mischung aus Rührung und Wut. Wut auf die Männer, von denen sie gesprochen hatte. Wut über das, was ihr zugestoßen war.

Die Gruppe blieb noch eine Weile auf der Wiese. Man erzählte – ehrlich, offen, beinahe feierlich. Torre sprach von seiner Heimat im kalten Norden und von Werburg, wo seine Schuld ihren Ursprung hatte.

Wergo erzählte, dass er hier in Tabasta geboren sei. Ein paar Jahre diente er in der Armee – dort lernte er Kara kennen. Sie war weit gereist, als Späherin in seiner Einheit. Jetzt war sie hier – das Meer fehlte ihr manchmal, aber sie war glücklich mit ihrem Mann.

Ein Abend im Lila Krug

Später wollte man Leichtigkeit.„Nicht Wachstube“, sagte Kara. „Heute der Lila Krug – bei den Zivilisten. Musik, Wein, Tanz.“

Alle stimmten zu. Man bereitete sich rasch vor: waschen, umziehen, gute Kleidung.

Der Abend wurde heiter. Der Lila Krug war voll, aber nicht überfüllt. Die Stimmung war gelöst. Die Freunde mischten sich unter die anderen Gäste, lachten, tranken, erzählten. Barden begannen zu spielen – erst mit Flöte, dann mit Laute. Sie sangen von Heldentaten, Kämpfen, Ehre und Liebe.

Hegra zog Torre auf die Tanzfläche.„Komm. Du darfst dich ruhig blamieren.“

Torre war kein Tänzer. Aber sie führten ihn – und sie lachten. Es war schön.

Eskalation

Dann kam der junge Händler.

Viel zu betrunken. Aufdringlich.Er stellte sich an Hegra heran, legte ihr die Hand an den Hintern.

„Jetzt tanzt du mit mir, Süße!“

Torre hatte zu viel Wein getrunken – aber das war keine Entschuldigung. Seine Faust krachte in das Gesicht des Händlers.

Es ging schnell. Der Händler taumelte, andere Reisende sprangen auf. Worte wurden zu Rufen, Hände zu Fäusten. Einige zogen Messer. Auf der einen Seite Händler und Durchreisende. Auf der anderen Torre, Hegra, Wergo, Kara – und ein paar einheimische Gäste.

Es war chaotisch. Kurz. Hart.Aber Soldaten blieben Soldaten – selbst mit Alkohol im Blut. Reflexe, Ausbildung, Erfahrung: Die Gruppe setzte sich durch.

Am Ende lagen mehrere Männer am Boden, blutend, fluchend, außer Gefecht.

Die Wache greift ein

GiGi – der Wirt, ein Dunkelelf mit unaussprechlichem Namen – hatte längst die Stadtwache gerufen.

Am frühen Morgen saßen alle in der Wachstube. Verhör durch Brock – den diensthabenden Ausbilder.

Er war streng, aber fair.Am Ende lautete das Urteil:

Beide Seiten tragen Schuld. Keine Anzeige, keine Kerker – aber Geldstrafen für alle Beteiligten.

Der Tag danach

Torre und Hegra schliefen bis zum Mittagessen. Danach ging es zur Schmiede – überfällige Reparaturen an der Ausrüstung warteten. Auf dem Weg dorthin sprachen sie über ihren nächsten Schritt.

„Gemeinsame Kammer?“ fragte Hegra. „Offiziell?“

„Wäre schön. Und vor allem… ein größeres Bett“, grinste Torre.

Razgar empfing sie mit rußigem Gesicht und schallendem Lachen. Während er an Riemen und Schienen arbeitete, fragte er mit halb gespielter Neugier:

„Ich hab gehört, ein Händler liegt bei der Heilerin – angeblich lebensgefährlich. Was war denn da los?“

Sie klärten ihn auf. Razgar nickte grimmig. „So wie’s klingt, hatte er Glück, dass ihr nur betrunken wart.“

Danach Smalltalk – Schmiedetricks, Zwergenbier, Politik, Geschichten vom Militär.

Am Abend saßen sie in Hegras kleiner Kammer. Eintopf, Brot und Razgars Bier – zwergisch, kräftig, ehrlicher Stoff. Wergo und Kara waren auch da. Eng, gemütlich, herzlich. Man lachte, sprach über Pläne, über Freundschaft – über das Leben.

Die kommenden Tage

Am nächsten Morgen begann wieder der Alltag: Wache, Training, Schmiedearbeit, Versorgung. Doch etwas war anders – Jaron.

Er war stiller, angespannter. Und immer wieder sah man ihn bei Abt Hasgar – länger, intensiver als gewöhnlich.

Auf Nachfrage schwieg er nur.

Vier Tage vergingen. Dann der Ruf: Versammlung in der großen Halle.

Alle waren da – Krieger, Heiler, Schmiede. Das Gemurmel war laut, bis der Fürstliche Abt selbst erschien. An seiner Seite: Jaron und vier schwer gerüstete Paladine.

Hasgar sprach mit fester Stimme:

„Die Lage ist ernst. Rangos – genannt der Schmied – ist wieder aufgetaucht. Händler verschwinden, Waren werden gestohlen. Und heute erreichte mich die Nachricht: Rangos hat das Dorf Onbar besetzt. Offen. Mit Waffen.“

Stille.

„Ich fürchte, er wird gelenkt. Von wem oder was – ich weiß es nicht. Aber ich dulde das nicht. Ihr brecht bei Sonnenaufgang auf. Ziel: Gefangennahme von Rangos. Die anderen sind mir egal.“

Die Halle schwieg – dann riefen die Offiziere Befehle.

Gruppen wurden gebildet. Torre kam zu Wergo – mit einem warnenden Blick von Jaron.

„Nichts Privates – bis alle zurück sind.“

Vorbereitungen begannen: Waffen, Rüstungen, Verbände, Kräuter. Zwei Wagen wurden beladen. Pferde ausgerüstet. Vorräte gesichert.

Die Nacht war kurz. Jeder schlief in seiner eigenen Kammer.

Der Morgen kam. Fahl, kühl, still.

Dann der Aufbruch: Fünfzig Männer und Frauen. Gerüstet. Bewaffnet. Bereit.

An der Spitze: Jaron. Daneben der Bannerträger.

Der Marsch

Nach einem langen, harten Ritt – ohne Pause, ohne Rast – dämmert es endlich. Jaron hebt die Hand. „Rast!“

Ein erleichtertes Aufatmen geht durch die Reihen. Die Pferde, nicht minder erschöpft als ihre Reiter, trinken gierig aus einem nahen Bach und legen sich danach nieder.

Schlafplätze werden bereitet, Feuer geschürt, Wachpläne verteilt. Jeder Griff sitzt, jeder Handgriff ist Routine.

Torre legt sich sofort schlafen – seine Wache kommt zuletzt, kurz vor dem Wecken.

Die Nacht vergeht ruhig – bis Kara ihn leise weckt.

„Du bist dran. Alles ruhig. Ich leg mich jetzt hin.“

Torre nickt und begibt sich zu seinem Posten. Die Nacht ist kühl, die Dunkelheit tief. Er lauscht. Beobachtet.

Dann – Geräusche.

Er zieht leise sein Schwert.

Eine Stimme flüstert: „Blaues Licht verblasst.“

Torre antwortet sofort: „Rotes Licht erhellt.“

Der Code stimmt.

Eine Zwergin tritt aus dem Schatten – Armbrust und Axt geschultert.

„Neue Entwicklungen. Wo ist Jaron?“

„Der Einzige mit Zelt.“

„Weck die anderen. Sofort. Ich übernehme die Verantwortung.“ Sie verschwindet in die Dunkelheit.

Torre zögert keine Sekunde. Er greift das Horn – bläst. Der Ton ist schräg, aber laut. Es reicht.

Die Lagerstelle erwacht in Sekunden. Waffen werden ergriffen, Schilde gehoben, Augen suchen das Dunkel.

„Späherin ist bei Jaron. Es geht wohl sofort los!“, ruft Torre laut.

Dann Jarons Stimme – schneidend, klar:

„Wir sind entdeckt! Rangos marschiert auf uns zu. Linie bilden! Schilde vor, Fernwaffen dahinter!“

Es geht alles schnell. Diszipliniert. Erfahren.

Kaum steht die Linie, tauchen sie auf – über hundert Männer und Frauen. Wenige gerüstet, aber bewaffnet. Voran: ein grimmiger Zwerg mit wirrem Bart.

Rangos.

Er hebt die Axt und brüllt: „Attacke!“

500 Schritte trennen die Reihen. Dann 400. 300.

Jarons Leute stehen ruhig. Verteidigung. Kein Rückzug.

Die Spannung ist greifbar.

Kein geplanter Angriff. Keine Vorbereitung.

Ein spontanes Gefecht – mitten in der Morgendämmerung.

Der Kampf

Noch hundert Schritte. Torre steht links der Mitte der Verteidigungslinie. Er weiß nicht, wo der Rest seines Trupps kämpft – vor allem Hegra. Aber daran darf er nicht denken. Konzentration.

Seine kosmischen Kräfte hat er nicht sammeln können – zu wenig Zeit. Nur ein einziger übernatürlicher Angriff steht ihm zur Verfügung.

Pfeile und Bolzen sausen über ihn hinweg. Die ersten Feinde fallen. Ein Vorteil: Die Angreifer haben kaum Fernwaffen.

Dann prallen die Linien aufeinander.

Torre erschlägt zwei Angreifer sofort. Der dritte hat einen Schild, ist geschickter – aber fällt letztlich ebenfalls.

Ein neuer Gegner springt auf ihn zu – schwer gerüstet, Axt, Schild, geschlossener Helm. Ein Ex-Soldat.

Der Kampf ist hart. Torre steckt zwei Treffer ein – nicht lebensgefährlich, aber durch die Rüstung spürbar.

Es bleibt nur eine Option. Torre bündelt seine Energie – sein Schwert gleitet wie geführt zwischen Harnisch und Beinpanzer des Gegners. Der Mann sackt zusammen.

Ein Moment der Ruhe. Torre blickt sich um: Die Räuber sind fast besiegt. Wenige eigene Verluste.

Dann – eine Stimme. Hegra.

„Hilfe… Ich brauche Hilfe!“

Torre reißt den Kopf herum. Rechts von ihm. Er rennt los, rempelt einen Gegner beiseite.

Vor ihm kämpfen Jaron und Rangos – ein brutales Duell.

Hegra schreit erneut. Torre zögert nur einen Augenblick.

Er schlägt Rangos zwei Mal, lenkt ihn ab. Jaron nutzt den Moment, stößt Rangos zu Boden. Ein Ringkampf beginnt.

Torre läuft weiter.

Er sieht sie: Hegra liegt am Boden. Über ihr ein Elf, ein Messer am Hals. Ihre Kräfte sind fast erschöpft.

Torre schreit, stürmt heran, tritt den Elf weg – und tötet ihn ohne zu zögern.

Dann hilft er Hegra hoch. Sie blutet stark, wirkt benommen.

„Heiler! Heiler zu mir!“, ruft er.

Er trägt sie Richtung Lager.

Loreana kommt ihm entgegen, Blut an der Schürze – aber nicht ihr eigenes.

„Leg sie dort hin. Ich kümmere mich.“

Torre bettet Hegra auf eine Decke, küsst ihre Stirn – dann rennt er zurück in den Kampf.

Das Ende

Die Schlacht ist vorbei. Die Räuber sind besiegt. Rangos – tatsächlich lebend gefangen.

Jaron, blutend an der Schulter, befiehlt die Verfolgung der flüchtenden Banditen. Torre ist unter den zwanzig, die aufbrechen.

Bis zum Abend bringen sie weitere fünfundzwanzig zur Strecke.

Zurück im Lager sucht Torre sofort Hegra. Loreana fängt ihn ab.

„Es ist schlimm. Tiefe Wunden. Viel Blutverlust. Wir tun unser Bestes. Aber hier draußen kann ich nichts versprechen.“

Torre wird blass. Seine Knie versagen. Tränen.

Wergo kommt zu ihm, legt ihm eine Hand auf die Schulter.

„Ich hab’s gehört. Lass die Heiler arbeiten. Komm – wir beten. Für sie. Zu Vasro.“

Torre kann nur nicken.

Keine Worte mehr.

Ankunft in Onbar

Bei Sonnenaufgang erreichte der Trupp das Dorf.

Doch von Leben war kaum eine Spur.

Die Straßen waren still. Türen hingen schief in den Angeln, Fenster waren zerbrochen, Zäune eingerissen. Zwei Häuser am Marktplatz – niedergebrannt bis auf das Fundament. Der Gestank von Asche und Blut lag in der Luft.

Zwischen den Gassen – tote Bewohner. Männer, Frauen, Alte. Liegen gelassen, ohne Ehre, ohne Würde.

Die Gruppe spaltete sich auf. Man suchte systematisch. Doch das Grauen offenbarte sich erst später.

Ein Ruf aus der Taverne. Panik in der Stimme.

„Hier unten! Im Keller!“

Jaron, Torre und mehrere Heiler eilten hinab.

Was sie dort fanden, ließ selbst gestandene Krieger verstummen.

Zwanzig Frauen und Mädchen. Nackt. Verängstigt. Übersät mit blauen Flecken und Kratzern. Kein Laut kam über ihre Lippen. Nur zittern, blicken, weinen.

Loreana war als Erste bei ihnen. Sie kniete sich, legte Decken über sie, sprach leise. Bald kamen andere hinzu. Wasser. Kleidung. Wärme.

Niemand stellte Fragen. Noch nicht. Dafür war es zu früh.

Oben, auf den Stufen, stand Jaron. Mit verschlossenem Gesicht. Die Hand am Schwertgriff. Er sagte nur einen Satz:

„Rangos wird dafür zahlen.“

Und niemand widersprach.

Die Männer des Dorfes fand man später – versteckt und eingesperrt im alten Lager der Schmiede. Dreckig, hungrig, verängstigt. Fünfundzwanzig Männer und Jungen, von alt bis jung.

Die Wiedervereinigung mit den Frauen und Kindern war tränenreich. Es war kein lauter Jubel – eher ein Zusammenbrechen, ein sich Festhalten. Einige weinten, andere lachten durch die Tränen.

Selbst Brock wischte sich über die Augen – ohne sich dafür zu schämen.

Noch am selben Tag begann die Neuordnung.

Ein provisorisches Lazarett wurde im größten Haus eingerichtet. Wachen postierten sich an den Ausgängen des Dorfes. Ein berittener Bote wurde mit aller Eile zum Kloster geschickt – mit dem Bericht über Onbar.

Der Tavernen-Keller wurde auf Befehl Jarons zum Gefängnis umfunktioniert. Keine Diskussion.

Die Verhöre begannen noch am Abend. Es gab keine Gnade – keine beschönigenden Worte. Auch Torre war dabei. Er stellte Fragen, forderte Antworten. Mit fester Stimme, mit Blicken, die nichts verziehen.

Was sie erfuhren, war schlimm.

Rangos hatte schriftliche Befehle erhalten. Die Gräueltaten – gewollt, geplant. „Gebt ihnen Schmerz. Brecht ihren Geist“, stand darin. Keine Unterschrift. Keine Spur.

Nur Rangos selbst kannte mehr. Doch er schwieg. Selbst unter Folter.

Am Abend suchte Torre das Lazarett auf. Endlich – Hegra.

Sie lag ruhig auf einem Strohlager. Blass. Verbände am Oberschenkel, Arm, Bauch. Aber sie atmete gleichmäßig. Schlief.

Torre kniete sich zu ihr. Legte eine Hand auf ihre Stirn. Streichelte sie. Küsste sie sanft.

Dann hörte er Schritte. Loreana. Müde, mitgenommen – aber wach.

„Ich glaube, sie ist über den Berg. Es wird dauern. Aber sie wird wieder ganz gesund.“

Kapitel 4

Torre stand auf – und nahm sie einfach in die Arme. Kein Wort. Nur stiller Dank.

Nach dem Besuch bei Hegra verließ Torre das Lazarett. Der nächste Dienst stand bevor – Wache am südlichen Dorfeingang. Doch etwas anderes meldete sich zuerst: eine alte Sucht.

Ein Stück entfernt standen drei Kameraden. Sie rauchten, still, schweigend. Torre ging hinüber.

„Habt ihr… eine Zigarette?“

Einer reichte ihm wortlos eine. Torre nahm sie, nickte knapp. Zündete sie an. Der Rauch brannte in der Lunge – vertraut, unangenehm ehrlich.

Schweigend machte er sich auf den Weg zu seinem Posten.

Die Nacht war still. Kein Laut, kein Wind. Nur der Schein des Feuers im Lager hinter ihm.

Seine Gedanken kreisten – um Hegra, um das, was er getan hatte. Was er gesehen hatte. Um Rangos. Um das Urböse.

Mitternacht. Schritte.

„Ich löse dich ab“, sagte Leron ruhig. „Taverne, erster Stock, Mitte rechts. Dein Schlafsack liegt links außen.“

Torre nickte nur, ging wortlos. Der Schlafsack war dort, wo beschrieben. Er legte sich hin, zog die Decke bis zum Hals. Schlaf kam schnell – aber nicht friedlich.

Der Traum

Werburg.

Feuer. Die Taverne brennt.

Er kämpft – Dämonen, Schatten, Rauch.

Dann: Sie erscheint.

Die Teufelin.

Verführerisch. Schön. Gefährlich.

„Töte sie“, flüstert sie mit süßlicher Stimme.

Und er hebt das Schwert – auf Hegra gerichtet. Sie sieht ihn. Panik. Tränen.

„Torre… bitte…“

Er kann sich nicht bewegen. Das Schwert fällt.

Er schreit – und wacht auf. Schweißgebadet. Herzrasen. Atemlos.

Noch immer sieht er ihr Gesicht.

Das Zimmer war wach. Torres Schrei hatte alle geweckt. Er entschuldigte sich leise und verließ den Raum. Die Nachtluft war kühl – und wohltuend nach dem stickigen Schlafraum.

Er setzte sich auf eine Bank vor dem Gebäude und seufzte schwer.

„Scheiß Nacht? Bist nicht der Einzige. Zwei harte Tage. Fünf Tote. Und dann noch das, was wir hier gefunden haben.“

Er blickte zur Seite. Eine junge Soldatin – blond, schlank, Arm in einer Schlinge, Verbände unter der Uniform. Sie lächelte matt und streckte ihm wortlos eine Zigarette hin.

„Danke. Und bei dir? Siehst übel aus.“

„Ich lebe. Der Körper heilt. Besser ich als ein Zivilist.“ Wieder dieses müde Lächeln.

Sie sprachen. Offene, kameradschaftliche Worte.Wenige Minuten später war die Gruppe bereit. Vor der Tür – die Luft noch kühl, der Himmel blass – sammelten sie sich.

Zrago führte sie ans andere Ende des Dorfes und deutete auf eine kleine Hütte. Jaron gab mit knappen Handzeichen die Befehle:Ausschwärmen. Alle Zugänge sichern. Keine Tötungen. Zrago und ich zur Tür.

Stille. Jeder bezog seine Position.

Kapitel 3

Torre stand am hinteren Fenster, den Hammer in der Hand – bewusst nicht das Schwert. Es sollte keine Todesopfer geben.

Dann ein lautes Klopfen.

Jarons Stimme: „Aufmachen – im Namen des Klosterfürsten!“

Das Fenster vor Torre flog auf – ein Mann sprang heraus. Reflexartig schlug Torre zu. Der Hammer traf das Knie im Moment der Landung. Ein Knacken, ein Schrei – der Mann sackte zu Boden, jammernd, das Bein zerstört.

Kampflärm ertönte vorne und von der Seite. Torre blieb wachsam.

Plötzlich sprang Farin – der Faun – durch das Fenster. Messer in der Hand, direkt auf Torre zu.

Ein schneller Schildblock. Torre schlug zurück – Farin wich aus und rannte los.„Er flieht!“, rief Torre und setzte nach. Doch der Faun war schnell – zu schnell.

Torre geriet in Rückstand. Rüstung gegen Hufe.

Dann ein Schrei. Farin brach zusammen. Ein Pfeil steckte in seiner Hüfte.

Er fluchte, wollte aufstehen – doch Torre war über ihm, stellte den Fuß auf seinen Rücken.„Liegen bleiben – oder es wird schlimmer.“

Kara trat neben ihn, den Bogen in der Hand. Gemeinsam fesselten sie Farin und brachten ihn zurück zur Hütte.

Dort lagen bereits zwei Männer und eine Frau – alle verletzt. Der Dorfheiler kümmerte sich um sie. Jaron und Zrago standen abseits im Gespräch.

Minuten vergingen.

Dann trat Jaron zur Gruppe.„Zrago und ich sind uns einig. Der Faun kommt mit uns zum Kloster. Die anderen werden hier im Dorf abgeurteilt – wegen Diebstahls und Mordes.“

Er sah in die Runde.„Gute Arbeit von allen. Kara – du begleitest uns. Eine Pause vom Kundschafterdienst.“

Die Pferde wurden geholt. Wenn sie gleich aufbrachen, würden sie Tabasta noch in dieser Nacht erreichen.

Der Ritt war zügig, aber entspannt. Kara und Wergo ritten vorneweg – vertraut, beinahe fröhlich.

Jaron kam neben Torre geritten.

„Gute Arbeit“, sagte er knapp. Dann, mit ruhiger Stimme:„Was dich und Hegra betrifft – behandle sie gut. Sie hat früher viel durchgemacht. Sie verdient etwas Glück… natürlich nur, wenn ihr beide gerade frei habt.“Ein kaum wahrnehmbares Grinsen.

Torre wollte antworten, doch Jaron war schon bei Umar, im nächsten Gespräch.

Rückkehr

Weit nach Mitternacht erreichten sie Tabasta. Farin kam in eine Zelle.Die Gruppe verabschiedete sich kurz – dann gingen alle in ihre eigenen Kammern.

Nachbesprechung

Am folgenden Morgen versammelte sich die Gruppe zur Nachbesprechung im Innenhof des Klosters. Jaron wirkte zufrieden – und das sagte er auch.

„Gute Arbeit, diszipliniert, sauber – keine Toten trotz Widerstand. So soll es sein.“

Dann verteilte er neue Aufgaben:

„Kara – vorübergehend zur Stadtwache. Torre – zurück zu Kalimba, deine Ausbildung geht weiter. Der Rest – Klosterwache, vorerst. Wenn’s ruhig bleibt, bekommt ihr freie Tage.“

Sechs Tage vergingen im Fluge. Torre wechselte zwischen Lernen bei Kalimba und hartem Training mit Brock. Gebete, Rituale, Schwertübungen, Meditation – der Körper wie der Geist wurden gefordert.

Hegra hatte vier Tage Tagesdienst. Die Abende verbrachten sie zusammen – doch nicht mehr nur zu zweit. Hegra führte Torre in ihren Freundeskreis ein: Kara, Wergo, Leron, Razgar – ein rauer zwergischer Schmied – und Loreana, eine stille, kluge Elfe und Heilerin.

Man lachte, trank, erzählte Geschichten. Torre fühlte sich angenommen. Die Welt schien friedlich.

An den letzten beiden Tagen hatte Hegra Nachtdienst. Torre besuchte sie auf der Mauer – doch diesmal blieben sie draußen. Kein Turm, kein Risiko. Nur Gespräche und Blicke.

Tagsüber traf Torre sich mit den Männern aus Hegras Umfeld – sie würfelten, redeten, tranken. Kameradschaft wuchs. Er genoss es – und baute sich etwas auf.

Am siebten und achten Tag hatten sie frei. Der Würfelabend wurde lang – sehr lang.

Der achte Tag – Mittag.

Hegra war es, die Torre weckte. „Na? Spaß gehabt? Ohne mich?“ Sie lächelte – herausfordernd. „Ja… aber heute gehör ich bis morgen ganz dir“, murmelte Torre verschlafen und grinste.

Kaum hatte er sich angezogen, standen Kara und Wergo bereits vor seiner Kammer – mit einem Picknickkorb.

„Wir wollen raus vor die Mauer. Kommt ihr mit?“

Vor der Mauer

Die vier saßen auf einer flachen Wiese, etwas abseits des Wegs. Sie redeten, lachten, teilten Brot und Käse, und genossen die Sonne, die über der Steppe stand. Dann wurde Hegra plötzlich still.

Sie sah Torre an. Ihre Stimme war ruhig, aber schwer.

„Ich möchte dir etwas über mich erzählen. Etwas, das bisher nur Kara, Wergo – und Jaron wissen.“

Sie zögerte, atmete tief durch. Torre legte ihr sanft den Arm um die Schulter.

„Du musst mir nichts sagen“, flüsterte er.

„Aber ich will.“ Sie schloss kurz die Augen. Dann sprach sie weiter.

„Du hast vielleicht Gerüchte gehört… Ich habe einiges durchgemacht. Vor allem mit Männern. Es begann, als ich noch sehr jung bei der Wache war. Weit weg von hier. Ich war auf Patrouille – mit drei alten, unangenehmen Kameraden. Männer, die mich wie Beute betrachteten.“

Ihre Stimme bebte.

„Im Wald – sie wollten mich. Haben versucht, mich festzuhalten, zu… nehmen. Ich konnte fliehen. Aber ich verlief mich. Tage allein im Wald. Als ich zurückkam, wurde ich verhaftet – wegen Fahnenflucht. Niemand wollte hören, was wirklich passiert war. Es folgten Gefängnis… und Verbannung. Immerhin – keine Hinrichtung.“

Torre hielt sie fester. Sie lehnte sich an ihn.

„Danach… jahrelang hatte ich Angst. Vor Nähe. Vor Männern. Dann glaubte ich, jemand Besonderen kennengelernt zu haben. Charmant, aufmerksam, zärtlich. Wir hatten Spaß – auch im Bett. Ich dachte, es wird gut.“

Ein bitteres Lächeln.

„Bis ich ihn mit einer Freundin sah. Als ich ihn stellte, lachte er nur. Sagte, ich könne ihn ja eh nicht allein glücklich machen. Ich habe meine Sachen gepackt. Bin gegangen. Nur meinem Hauptmann hab ich noch Bescheid gesagt – damit ich wenigstens *eine* Sache richtig beende.“

Sie wischte sich über die Augen.

„Dann kam ich hierher. In Tabasta. Hier habe ich keine Männer mehr in mein Leben gelassen. Wenn die Lust zu groß wurde, bin ich geritten – drei Tagesreisen weit. Eine Taverne. Eine Nacht. Und zurück. Ohne Namen, ohne Worte. Ich war… eigennützig. Distanz war mein Schutz.“

Ein langer Atemzug.

„Und dann kamst du. Ich war überrumpelt. Schockverliebt. Ich kenne nur meine direkte Art – und wusste nicht, wie ich damit umgehen soll. Jetzt weißt du es.“

Sie weinte. Kein Schluchzen, kein Drama – nur Tränen, die liefen.

Torre sagte nichts. Er hielt sie einfach. Sanft. Stark. Nah.

Nach der Offenbarung

Kara und Wergo sagten nichts – doch ihre Blicke sprachen Bände. Sie kannten Hegras Geschichte, und trotzdem war da diese Mischung aus Rührung und Wut. Wut auf die Männer, von denen sie gesprochen hatte. Wut über das, was ihr zugestoßen war.

Die Gruppe blieb noch eine Weile auf der Wiese. Man erzählte – ehrlich, offen, beinahe feierlich. Torre sprach von seiner Heimat im kalten Norden und von Werburg, wo seine Schuld ihren Ursprung hatte.

Wergo erzählte, dass er hier in Tabasta geboren sei. Ein paar Jahre diente er in der Armee – dort lernte er Kara kennen. Sie war weit gereist, als Späherin in seiner Einheit. Jetzt war sie hier – das Meer fehlte ihr manchmal, aber sie war glücklich mit ihrem Mann.

Ein Abend im Lila Krug

Später wollte man Leichtigkeit.„Nicht Wachstube“, sagte Kara. „Heute der Lila Krug – bei den Zivilisten. Musik, Wein, Tanz.“

Alle stimmten zu. Man bereitete sich rasch vor: waschen, umziehen, gute Kleidung.

Der Abend wurde heiter. Der Lila Krug war voll, aber nicht überfüllt. Die Stimmung war gelöst. Die Freunde mischten sich unter die anderen Gäste, lachten, tranken, erzählten. Barden begannen zu spielen – erst mit Flöte, dann mit Laute. Sie sangen von Heldentaten, Kämpfen, Ehre und Liebe.

Hegra zog Torre auf die Tanzfläche.„Komm. Du darfst dich ruhig blamieren.“

Torre war kein Tänzer. Aber sie führten ihn – und sie lachten. Es war schön.

Eskalation

Dann kam der junge Händler.

Viel zu betrunken. Aufdringlich.Er stellte sich an Hegra heran, legte ihr die Hand an den Hintern.

„Jetzt tanzt du mit mir, Süße!“

Torre hatte zu viel Wein getrunken – aber das war keine Entschuldigung. Seine Faust krachte in das Gesicht des Händlers.

Es ging schnell. Der Händler taumelte, andere Reisende sprangen auf. Worte wurden zu Rufen, Hände zu Fäusten. Einige zogen Messer. Auf der einen Seite Händler und Durchreisende. Auf der anderen Torre, Hegra, Wergo, Kara – und ein paar einheimische Gäste.

Es war chaotisch. Kurz. Hart.Aber Soldaten blieben Soldaten – selbst mit Alkohol im Blut. Reflexe, Ausbildung, Erfahrung: Die Gruppe setzte sich durch.

Am Ende lagen mehrere Männer am Boden, blutend, fluchend, außer Gefecht.

Die Wache greift ein

GiGi – der Wirt, ein Dunkelelf mit unaussprechlichem Namen – hatte längst die Stadtwache gerufen.

Am frühen Morgen saßen alle in der Wachstube. Verhör durch Brock – den diensthabenden Ausbilder.

Er war streng, aber fair.Am Ende lautete das Urteil:

Beide Seiten tragen Schuld. Keine Anzeige, keine Kerker – aber Geldstrafen für alle Beteiligten.

Der Tag danach

Torre und Hegra schliefen bis zum Mittagessen. Danach ging es zur Schmiede – überfällige Reparaturen an der Ausrüstung warteten. Auf dem Weg dorthin sprachen sie über ihren nächsten Schritt.

„Gemeinsame Kammer?“ fragte Hegra. „Offiziell?“

„Wäre schön. Und vor allem… ein größeres Bett“, grinste Torre.

Razgar empfing sie mit rußigem Gesicht und schallendem Lachen. Während er an Riemen und Schienen arbeitete, fragte er mit halb gespielter Neugier:

„Ich hab gehört, ein Händler liegt bei der Heilerin – angeblich lebensgefährlich. Was war denn da los?“

Sie klärten ihn auf. Razgar nickte grimmig. „So wie’s klingt, hatte er Glück, dass ihr nur betrunken wart.“

Danach Smalltalk – Schmiedetricks, Zwergenbier, Politik, Geschichten vom Militär.

Am Abend saßen sie in Hegras kleiner Kammer. Eintopf, Brot und Razgars Bier – zwergisch, kräftig, ehrlicher Stoff. Wergo und Kara waren auch da. Eng, gemütlich, herzlich. Man lachte, sprach über Pläne, über Freundschaft – über das Leben.

Die kommenden Tage

Am nächsten Morgen begann wieder der Alltag: Wache, Training, Schmiedearbeit, Versorgung. Doch etwas war anders – Jaron.

Er war stiller, angespannter. Und immer wieder sah man ihn bei Abt Hasgar – länger, intensiver als gewöhnlich.

Auf Nachfrage schwieg er nur.

Vier Tage vergingen. Dann der Ruf: Versammlung in der großen Halle.

Alle waren da – Krieger, Heiler, Schmiede. Das Gemurmel war laut, bis der Fürstliche Abt selbst erschien. An seiner Seite: Jaron und vier schwer gerüstete Paladine.

Hasgar sprach mit fester Stimme:

„Die Lage ist ernst. Rangos – genannt der Schmied – ist wieder aufgetaucht. Händler verschwinden, Waren werden gestohlen. Und heute erreichte mich die Nachricht: Rangos hat das Dorf Onbar besetzt. Offen. Mit Waffen.“

Stille.

„Ich fürchte, er wird gelenkt. Von wem oder was – ich weiß es nicht. Aber ich dulde das nicht. Ihr brecht bei Sonnenaufgang auf. Ziel: Gefangennahme von Rangos. Die anderen sind mir egal.“

Die Halle schwieg – dann riefen die Offiziere Befehle.

Gruppen wurden gebildet. Torre kam zu Wergo – mit einem warnenden Blick von Jaron.

„Nichts Privates – bis alle zurück sind.“

Vorbereitungen begannen: Waffen, Rüstungen, Verbände, Kräuter. Zwei Wagen wurden beladen. Pferde ausgerüstet. Vorräte gesichert.

Die Nacht war kurz. Jeder schlief in seiner eigenen Kammer.

Der Morgen kam. Fahl, kühl, still.

Dann der Aufbruch: Fünfzig Männer und Frauen. Gerüstet. Bewaffnet. Bereit.

An der Spitze: Jaron. Daneben der Bannerträger.

Der Marsch

Nach einem langen, harten Ritt – ohne Pause, ohne Rast – dämmert es endlich. Jaron hebt die Hand. „Rast!“

Ein erleichtertes Aufatmen geht durch die Reihen. Die Pferde, nicht minder erschöpft als ihre Reiter, trinken gierig aus einem nahen Bach und legen sich danach nieder.

Schlafplätze werden bereitet, Feuer geschürt, Wachpläne verteilt. Jeder Griff sitzt, jeder Handgriff ist Routine.

Torre legt sich sofort schlafen – seine Wache kommt zuletzt, kurz vor dem Wecken.

Die Nacht vergeht ruhig – bis Kara ihn leise weckt.

„Du bist dran. Alles ruhig. Ich leg mich jetzt hin.“

Torre nickt und begibt sich zu seinem Posten. Die Nacht ist kühl, die Dunkelheit tief. Er lauscht. Beobachtet.

Dann – Geräusche.

Er zieht leise sein Schwert.

Eine Stimme flüstert: „Blaues Licht verblasst.“

Torre antwortet sofort: „Rotes Licht erhellt.“

Der Code stimmt.

Eine Zwergin tritt aus dem Schatten – Armbrust und Axt geschultert.

„Neue Entwicklungen. Wo ist Jaron?“

„Der Einzige mit Zelt.“

„Weck die anderen. Sofort. Ich übernehme die Verantwortung.“ Sie verschwindet in die Dunkelheit.

Torre zögert keine Sekunde. Er greift das Horn – bläst. Der Ton ist schräg, aber laut. Es reicht.

Die Lagerstelle erwacht in Sekunden. Waffen werden ergriffen, Schilde gehoben, Augen suchen das Dunkel.

„Späherin ist bei Jaron. Es geht wohl sofort los!“, ruft Torre laut.

Dann Jarons Stimme – schneidend, klar:

„Wir sind entdeckt! Rangos marschiert auf uns zu. Linie bilden! Schilde vor, Fernwaffen dahinter!“

Es geht alles schnell. Diszipliniert. Erfahren.

Kaum steht die Linie, tauchen sie auf – über hundert Männer und Frauen. Wenige gerüstet, aber bewaffnet. Voran: ein grimmiger Zwerg mit wirrem Bart.

Rangos.

Er hebt die Axt und brüllt: „Attacke!“

500 Schritte trennen die Reihen. Dann 400. 300.

Jarons Leute stehen ruhig. Verteidigung. Kein Rückzug.

Die Spannung ist greifbar.

Kein geplanter Angriff. Keine Vorbereitung.

Ein spontanes Gefecht – mitten in der Morgendämmerung.

Der Kampf

Noch hundert Schritte. Torre steht links der Mitte der Verteidigungslinie. Er weiß nicht, wo der Rest seines Trupps kämpft – vor allem Hegra. Aber daran darf er nicht denken. Konzentration.

Seine kosmischen Kräfte hat er nicht sammeln können – zu wenig Zeit. Nur ein einziger übernatürlicher Angriff steht ihm zur Verfügung.

Pfeile und Bolzen sausen über ihn hinweg. Die ersten Feinde fallen. Ein Vorteil: Die Angreifer haben kaum Fernwaffen.

Dann prallen die Linien aufeinander.

Torre erschlägt zwei Angreifer sofort. Der dritte hat einen Schild, ist geschickter – aber fällt letztlich ebenfalls.

Ein neuer Gegner springt auf ihn zu – schwer gerüstet, Axt, Schild, geschlossener Helm. Ein Ex-Soldat.

Der Kampf ist hart. Torre steckt zwei Treffer ein – nicht lebensgefährlich, aber durch die Rüstung spürbar.

Es bleibt nur eine Option. Torre bündelt seine Energie – sein Schwert gleitet wie geführt zwischen Harnisch und Beinpanzer des Gegners. Der Mann sackt zusammen.

Ein Moment der Ruhe. Torre blickt sich um: Die Räuber sind fast besiegt. Wenige eigene Verluste.

Dann – eine Stimme. Hegra.

„Hilfe… Ich brauche Hilfe!“

Torre reißt den Kopf herum. Rechts von ihm. Er rennt los, rempelt einen Gegner beiseite.

Vor ihm kämpfen Jaron und Rangos – ein brutales Duell.

Hegra schreit erneut. Torre zögert nur einen Augenblick.

Er schlägt Rangos zwei Mal, lenkt ihn ab. Jaron nutzt den Moment, stößt Rangos zu Boden. Ein Ringkampf beginnt.

Torre läuft weiter.

Er sieht sie: Hegra liegt am Boden. Über ihr ein Elf, ein Messer am Hals. Ihre Kräfte sind fast erschöpft.

Torre schreit, stürmt heran, tritt den Elf weg – und tötet ihn ohne zu zögern.

Dann hilft er Hegra hoch. Sie blutet stark, wirkt benommen.

„Heiler! Heiler zu mir!“, ruft er.

Er trägt sie Richtung Lager.

Loreana kommt ihm entgegen, Blut an der Schürze – aber nicht ihr eigenes.

„Leg sie dort hin. Ich kümmere mich.“

Torre bettet Hegra auf eine Decke, küsst ihre Stirn – dann rennt er zurück in den Kampf.

Das Ende

Die Schlacht ist vorbei. Die Räuber sind besiegt. Rangos – tatsächlich lebend gefangen.

Jaron, blutend an der Schulter, befiehlt die Verfolgung der flüchtenden Banditen. Torre ist unter den zwanzig, die aufbrechen.

Bis zum Abend bringen sie weitere fünfundzwanzig zur Strecke.

Zurück im Lager sucht Torre sofort Hegra. Loreana fängt ihn ab.

„Es ist schlimm. Tiefe Wunden. Viel Blutverlust. Wir tun unser Bestes. Aber hier draußen kann ich nichts versprechen.“

Torre wird blass. Seine Knie versagen. Tränen.

Wergo kommt zu ihm, legt ihm eine Hand auf die Schulter.

„Ich hab’s gehört. Lass die Heiler arbeiten. Komm – wir beten. Für sie. Zu Vasro.“

Torre kann nur nicken.

Keine Worte mehr.

Ankunft in Onbar

Bei Sonnenaufgang erreichte der Trupp das Dorf.

Doch von Leben war kaum eine Spur.

Die Straßen waren still. Türen hingen schief in den Angeln, Fenster waren zerbrochen, Zäune eingerissen. Zwei Häuser am Marktplatz – niedergebrannt bis auf das Fundament. Der Gestank von Asche und Blut lag in der Luft.

Zwischen den Gassen – tote Bewohner. Männer, Frauen, Alte. Liegen gelassen, ohne Ehre, ohne Würde.

Die Gruppe spaltete sich auf. Man suchte systematisch. Doch das Grauen offenbarte sich erst später.

Ein Ruf aus der Taverne. Panik in der Stimme.

„Hier unten! Im Keller!“

Jaron, Torre und mehrere Heiler eilten hinab.

Was sie dort fanden, ließ selbst gestandene Krieger verstummen.

Zwanzig Frauen und Mädchen. Nackt. Verängstigt. Übersät mit blauen Flecken und Kratzern. Kein Laut kam über ihre Lippen. Nur zittern, blicken, weinen.

Loreana war als Erste bei ihnen. Sie kniete sich, legte Decken über sie, sprach leise. Bald kamen andere hinzu. Wasser. Kleidung. Wärme.

Niemand stellte Fragen. Noch nicht. Dafür war es zu früh.

Oben, auf den Stufen, stand Jaron. Mit verschlossenem Gesicht. Die Hand am Schwertgriff. Er sagte nur einen Satz:

„Rangos wird dafür zahlen.“

Und niemand widersprach.

Die Männer des Dorfes fand man später – versteckt und eingesperrt im alten Lager der Schmiede. Dreckig, hungrig, verängstigt. Fünfundzwanzig Männer und Jungen, von alt bis jung.

Die Wiedervereinigung mit den Frauen und Kindern war tränenreich. Es war kein lauter Jubel – eher ein Zusammenbrechen, ein sich Festhalten. Einige weinten, andere lachten durch die Tränen.

Selbst Brock wischte sich über die Augen – ohne sich dafür zu schämen.

Noch am selben Tag begann die Neuordnung.

Ein provisorisches Lazarett wurde im größten Haus eingerichtet. Wachen postierten sich an den Ausgängen des Dorfes. Ein berittener Bote wurde mit aller Eile zum Kloster geschickt – mit dem Bericht über Onbar.

Der Tavernen-Keller wurde auf Befehl Jarons zum Gefängnis umfunktioniert. Keine Diskussion.

Die Verhöre begannen noch am Abend. Es gab keine Gnade – keine beschönigenden Worte. Auch Torre war dabei. Er stellte Fragen, forderte Antworten. Mit fester Stimme, mit Blicken, die nichts verziehen.

Was sie erfuhren, war schlimm.

Rangos hatte schriftliche Befehle erhalten. Die Gräueltaten – gewollt, geplant. „Gebt ihnen Schmerz. Brecht ihren Geist“, stand darin. Keine Unterschrift. Keine Spur.

Nur Rangos selbst kannte mehr. Doch er schwieg. Selbst unter Folter.

Am Abend suchte Torre das Lazarett auf. Endlich – Hegra.

Sie lag ruhig auf einem Strohlager. Blass. Verbände am Oberschenkel, Arm, Bauch. Aber sie atmete gleichmäßig. Schlief.

Torre kniete sich zu ihr. Legte eine Hand auf ihre Stirn. Streichelte sie. Küsste sie sanft.

Dann hörte er Schritte. Loreana. Müde, mitgenommen – aber wach.

„Ich glaube, sie ist über den Berg. Es wird dauern. Aber sie wird wieder ganz gesund.“

Kapitel 4

Torre stand auf – und nahm sie einfach in die Arme. Kein Wort. Nur stiller Dank.

Nach dem Besuch bei Hegra verließ Torre das Lazarett. Der nächste Dienst stand bevor – Wache am südlichen Dorfeingang. Doch etwas anderes meldete sich zuerst: eine alte Sucht.

Ein Stück entfernt standen drei Kameraden. Sie rauchten, still, schweigend. Torre ging hinüber.

„Habt ihr… eine Zigarette?“

Einer reichte ihm wortlos eine. Torre nahm sie, nickte knapp. Zündete sie an. Der Rauch brannte in der Lunge – vertraut, unangenehm ehrlich.

Schweigend machte er sich auf den Weg zu seinem Posten.

Die Nacht war still. Kein Laut, kein Wind. Nur der Schein des Feuers im Lager hinter ihm.

Seine Gedanken kreisten – um Hegra, um das, was er getan hatte. Was er gesehen hatte. Um Rangos. Um das Urböse.

Mitternacht. Schritte.

„Ich löse dich ab“, sagte Leron ruhig. „Taverne, erster Stock, Mitte rechts. Dein Schlafsack liegt links außen.“

Torre nickte nur, ging wortlos. Der Schlafsack war dort, wo beschrieben. Er legte sich hin, zog die Decke bis zum Hals. Schlaf kam schnell – aber nicht friedlich.

Der Traum

Werburg.

Feuer. Die Taverne brennt.

Er kämpft – Dämonen, Schatten, Rauch.

Dann: Sie erscheint.

Die Teufelin.

Verführerisch. Schön. Gefährlich.

„Töte sie“, flüstert sie mit süßlicher Stimme.

Und er hebt das Schwert – auf Hegra gerichtet. Sie sieht ihn. Panik. Tränen.

„Torre… bitte…“

Er kann sich nicht bewegen. Das Schwert fällt.

Er schreit – und wacht auf. Schweißgebadet. Herzrasen. Atemlos.

Noch immer sieht er ihr Gesicht.

Das Zimmer war wach. Torres Schrei hatte alle geweckt. Er entschuldigte sich leise und verließ den Raum. Die Nachtluft war kühl – und wohltuend nach dem stickigen Schlafraum.

Er setzte sich auf eine Bank vor dem Gebäude und seufzte schwer.

„Scheiß Nacht? Bist nicht der Einzige. Zwei harte Tage. Fünf Tote. Und dann noch das, was wir hier gefunden haben.“

Er blickte zur Seite. Eine junge Soldatin – blond, schlank, Arm in einer Schlinge, Verbände unter der Uniform. Sie lächelte matt und streckte ihm wortlos eine Zigarette hin.

„Danke. Und bei dir? Siehst übel aus.“

„Ich lebe. Der Körper heilt. Besser ich als ein Zivilist.“ Wieder dieses müde Lächeln.

Sie sprachen. Offene, kameradschaftliche Worte.