Kapitel 1

Torre stand auf einer einsamen, staubigen Straße. Noch etwa ein Tag, dann sollte das Kanbela-Kloster in der Einöde vor ihm auftauchen. Doch diesmal suchte er keinen Kampf, keine Schlacht – sondern Beistand. Spirituellen Beistand. Seine Verbindung zu Vasro, dem Gott der Kriegskunst, sollte gefestigt werden. Torre hatte sich entschieden: Er wollte Paladin werden.

Er trank einen kleinen Schluck Wasser. In dieser Gegend musste man sparsam sein. Weiter. Ein verwittertes Holzschild am Straßenrand – die Richtung stimmte.

Seit drei Tagen war nichts passiert.

Er marschierte, bis die Dämmerung einsetzte. Zeit, ein Lager zu errichten. Die Nächte waren kalt, trotz des späten Frühlings. Er verließ die Straße, etwa fünfhundert Schritte weit, bis zu einer flachen, grasbewachsenen Senke. Besser würde es hier nicht werden.

Der Schlafsack, dazu der Umhang – mehr hatte er nicht. Das letzte Bündel Feuerholz war fast zu wenig für die Nacht. Zunder hatte er keinen mehr. Also anders.

Torre kniete sich hin, schloss die Augen und flüsterte:„Vasro, ich bitte dich. Eine Flamme – mehr nicht.“

Ein Kribbeln fuhr durch seinen Körper, warm, vertraut. An den Fingern seiner rechten Hand erschien eine kleine Flamme. Wenig später knisterte das Feuer.

Ein einfaches Abendessen: Trockenfleisch, Brot, ein Schluck Wasser.Dann legte er sich hin – in voller Rüstung. Schwert und Schild griffbereit. Er war vorsichtig geworden. Kein naiver Abenteurer mehr.

In der Nacht hörte er Geräusche – fremdartig, nicht zuzuordnen. Tiere? Etwas anderes? Egal. Er war wach. Die letzten Äste kamen ins Feuer. Licht und Wärme vertrieben zumindest die meisten nächtlichen Besucher.

Kapitel 2

Der Morgen graute. Frühstück: Brot und Wasser.Dann zurück zur Straße.

Etwa siebenhundert Schritte von der Stelle, an der er die Straße am Abend zuvor verlassen hatte, entdeckte er einen Wagen. Ein Rad zerstört, Blutspuren auf dem Holz, die Ladefläche leer. Torre war kein erfahrener Spurenleser, aber das war auch nicht nötig – die Schleifspuren waren deutlich.

Was nun? Weitergehen? Oder der Spur folgen?

Er erinnerte sich an seinen Schwur: „Schütze die Schwächeren.“Die Entscheidung war gefallen.

Schwert und Schild in den Händen, folgte er der blutigen Spur durch das staubige Gras.

Ein Körper lag vor ihm. Blutüberströmt. Zu ruhig. Tot.

Nach der Kleidung zu urteilen wohl ein Händler – mehr konnte er nicht sagen. Das wäre Arbeit für Kundschafter. Torre ging weiter. Er hörte Stimmen.

Jetzt langsam!

Er schlich sich voran – so gut es eben ging in einer Rüstung aus Stahl und Lamellen. Schwer. Klirrend. Unüberhörbar. Er musste selbst grinsen, lautlos.

Die Stimmen kamen aus einem Gebüsch, kaum hundertfünfzig Schritte entfernt. Er näherte sich, blieb unbemerkt und erreichte Deckung.

Vier Personen: Zwei Menschen, ein Zwerg – oder eine Zwergin – und ein Faun.Die Menschen trugen dunkles Leder, Schwerter und Bögen. Stoppelbärte, unauffällige Gesichter – sie könnten Brüder sein.Die Zwergin trug ein Kettenhemd und eine schwere Axt, fast so groß wie sie selbst.Der Faun: blond, Widderhörner, Hufe – ansonsten menschlich. Zwei lange Messer am Gürtel.

Torre schätzte die Lage ab.

Überraschungsmoment. Schnell und hart zuschlagen. Erst die Menschen – verhindern, dass sie zurückweichen und die Bögen einsetzen. Die Axt ist gefährlich, Reichweite und Wucht. Der Faun – unklar, Risiko.

Er atmete tief ein. Dann stürmte er los.

Sein Schwert traf den ersten Mann – der sackte blutend zusammen.Der zweite kam nicht rechtzeitig zur Reaktion – Schildkante ins Gesicht, Schwert in den Oberschenkel. Auch kampfunfähig.

Die Zwergin schwang ihre Axt. Torre hob den Schild. Ein gewaltiger Schlag – es krachte, Holz splitterte. Viele solcher Treffer würde der Schild nicht aushalten.

Er konterte – ein gezielter Stich durch eine Lücke im Kettenhemd.Die Zwergin lächelte nur. Noch einmal ließ sie die Axt niedersausen.

Der Schild ächzte.

Torre setzte zwei schnelle Hiebe – das Kettenhemd hielt, aber er spürte, wie der Widerstand schwächer wurde.

Ausweichen. Konter. Schild hoch.

Eine Finte – erfolgreich. Das Schwert traf ihren Kopf. Sie trug keinen Helm.

Sie fiel.

Wo war der Faun?

Nichts. Keine Spur. Kurze Suche. Erfolglos.

Was nun? Der Faun war verschwunden – keine Zeit, ihn zu jagen. Vielleicht später. Jetzt galt es, Antworten zu bekommen.

Der erste Mensch lag am Boden, getroffen am Hals – keine Chance ohne Heiler.Pech. Er hätte kein Bandit werden sollen.

Der zweite hatte sich provisorisch das Bein verbunden. Sein Gesicht war geschwollen, ein Auge blau unterlaufen. Er sah Torre an – abwartend, eingeschüchtert.

Torre trat näher.„Du. Name. Und der eures Anführers.“

Der Bandit antwortete stockend, mit schwerem Akzent:„Sero… Rangos, der Schmied. Ich… nicht wollen sterben. Allgemein-Sprache schwer.“

Torre sprach langsam, deutlich:„Sero. Du kommst mit mir. Im Kloster wirst du reden. Alles.“

Sero nickte. Er richtete sich stöhnend auf, verzog das Gesicht vor Schmerz.Torre zeigte zur Straße.„Los. Zurück.“

Langsam machten sie sich auf den Weg. Seros Bein hielt, aber es war mühsam.

Dann – Hufschläge.

Torre hob die Hand.„Halt.“

Sie warteten.Reiter näherten sich – viele. Die ersten schimmerten metallisch im Sonnenlicht. Zehn? Zwölf? Nein – fünfzehn Reiter, schwer bewaffnet.

Torre trat sichtbar hervor, hob das Schild und rief mit kräftiger Stimme:„Ich bin Torre, Krieger des Bundes. Ich grüße euch!“

Die Reiter zügelten ihre Pferde. Der Trupp hielt wenige Schritte entfernt.

Ein Mann in glänzender Plattenrüstung trat vor. Groß, ernst, ein Schwert an der Seite, das Zeichen Vasro auf der Brust.

„Jaron von Kregon. Paladin. Erster Wächter des Klosters von Tabasta. Was macht Ihr hier, Torre – und wer ist das?“

Torre trat vor.„Ich bin Pilger auf dem Weg zum Kloster. Dies hier ist Sero – mein Gefangener. Er und mindestens drei andere überfielen einen Wagen, keine dreihundert Schritte von hier. Ich stellte sie in den Grasfeldern. Eine Zwergin fiel. Ein Faun ist geflohen. Ein weiterer Mensch liegt vermutlich tot zurück.“

Jaron nickte knapp.„Vier zu mir. Torre und sein Gefangener müssen sicher ins Kloster gebracht werden. Der Rest – weiterreiten. Umar, voraus.“

Die Gruppe teilte sich. Einer in leichter Rüstung, wohl Umar, übernahm die Spitze. Vier Reiter blieben bei Torre zurück.

Einer von ihnen reichte ihm die Hand.„Torre. Ich bin Wergo. Wir begleiten euch – das sind Leron, Hegra und Otar.“

Torre nickte dankbar.„Ich weiß, es gehört sich nicht zu bitten, aber mein Gefangener… er kann kaum noch gehen. Könnten wir ihn… auf ein Pferd binden?“

Hegra, eine kräftige Frau mit roten Locken, stieg bereits ab.„Natürlich. Wir wollen ihn ja lebend verhören – nicht, dass er uns vorher noch wegklappt.“Sie griff in ihre Satteltasche, holte Seile hervor.

Sero ließ es stumm geschehen. Kurz darauf lag er quer über dem Sattel, sicher verschnürt.

Der Weg zum Kloster ging weiter.

Hegra ritt an Torres Seite, das Helmvisier offen, ihr Blick aufmerksam.„Allein gegen vier“, sagte sie nach einer Weile, „beeindruckend. Du hast Mut. Und Kraft. Das mag ich.“Dann ein schelmisches Grinsen. „Traust du dich auch gegen mich? Allein – in meiner Kammer?“

Torre stockte.„Danke… ähm… du bist schön… ich meine stattlich… in der Rüstung… äh…“

Hegra lachte leise. „Danke. Und wenn es dir schwerfällt, mit mir zu reden – können wir uns ja anderweitig beschäftigen, sobald wir in der Stadt sind.“ Sie zwinkerte ihm zu, verschwitzt und frech.

Torre wurde rot.„Ja… nein… also… ja. Ich würde schon gern reden. Ich bin bloß nicht so… direkt gewohnt.“

„Dann heute Abend. In der Wachtaverne. Nur reden und trinken. Ich verspreche, ich versuche… nichts.“ Sie grinste.

Torre nickte schüchtern, aber auch mit einem kleinen Lächeln. Dann ließ er sein Pferd zurückfallen und ritt neben Wergo.„Wie weit noch?“

Wergo lachte laut.„Du wirst pünktlich in der Taverne sein, keine Sorge.“

Sie ritten weiter. Der Weg war gut, die Sonne neigte sich dem Horizont. Am späten Nachmittag tauchte sie endlich auf – die große Mauer von Tabasta.

Ein graues Bollwerk, fünfzehn Schritte hoch, mit Laufstegen, Türmen und Zinnen. In ihrer Mitte ein gewaltiges Tor aus fast schwarzem Holz, beschlagen mit dunklem Eisen. Fünf Schritte breit, fünf hoch – doppelflügelig.

Wachen standen bereit, Männer und Frauen mit ernsten Gesichtern. Als sie die Patrouille sahen, wurde das Tor geöffnet. Torre und die anderen wurden durchgewunken.

Wergo übernahm die Führung. Sie ritten in die Stadt.

Tabasta bestand aus etwa dreißig Steinhäusern, solide gebaut, meist zweigeschossig. Nur wenige hatten drei Etagen. Die Gebäude standen im Halbkreis vor dem Kloster, das sich wie ein gewaltiger Schatten darüber erhob.

Das Kloster selbst war teils gebaut, teils aus dem Fels geschlagen. Grau, hoch und breit, mit zwei Türmen, die sich in den Himmel reckten – dem Vater und der Mutter geweiht: Lorgast und Linrea, Tag und Nacht. An der Außenmauer prangten zehn große Embleme – für Lorgast, Linrea und ihre Kinder, die hier verehrt wurden. Darunter sieben kleinere Symbole – die Kindeskinder. Dort auch: Vasro.

Torre hielt einen Moment inne. Nicht wegen der Größe des Baus – sondern wegen seiner Bedeutung.

Wergo führte sie zu einer kleineren Seitenpforte des Klosters. Knechte nahmen die Pferde entgegen. Hinter dem Tor lag eine Wachkaserne – fremd und doch vertraut. Der Geruch von Öl, Metall und altem Holz.

Sero wurde in einen kahlen Raum gebracht. In der Mitte stand ein schwerer Holzstuhl. Dort wurde er festgebunden.

Leron trat vor ihn.„Du. Jetzt besser reden. Dein Anführer. Wo ist euer Versteck?“

Torre hörte nicht mehr hin. Er ging mit Wergo weiter – in die Küche.

Dort gab es Wasser, ein wenig Wein, Brot, Käse, geräuchertes Fleisch und ein paar Früchte. Torre aß, trank und berichtete – ruhig, ausführlich. Alles, was er über den Überfall wusste.

Als die Sonne unterging, wurde ihm als Mitglied des Kriegerbundes eine Kammer zugewiesen. Er legte die Rüstung ab, wusch sich, zog leichte Kleidung an.

Dann fragte er nach der Taverne.

Nach ein paar kurzen Wegbeschreibungen fand Torre die Taverne der Krieger:„Die Wachstube“ – ein schlichtes Schild über einer soliden Holztür, darunter ein Wappen mit Schild und Becher.

Drinnen war es hell, warm und lebendig. Holzgetäfelte Wände, eine lange Theke, schwere Tische. Männer und Frauen in Rüstung oder schlichter Kleidung saßen bei Bier, Wein und Eintopf. Gespräche, Lachen, das Klirren von Bechern.

Und da – an der Theke: Hegra.Ohne Rüstung.Ihr Blick traf sofort seinen.

Sie trug ein einfaches, beiges Kleid – nichts Prunkvolles, aber geschickt gewählt. Es zeigte manches, deutete anderes nur an. Ihre roten Locken fielen offen auf die Schultern, grüne Augen funkelten.

Torre blieb kurz stehen, atmete tief durch. Natürlich will sie heute nur reden. Ganz bestimmt. Aber gut… Ablenkung tut mir vielleicht wirklich gut. Morgen ist ein neuer Tag. Dann sehen wir weiter.

Er ging direkt auf sie zu.„Hallo Hegra. Tolles Kleid. So… schön hätte ich dich in der Rüstung nicht erwartet.“

Sie grinste.„Und du siehst ohne Metall am Körper auch deutlich besser aus.“

Er setzte sich neben sie. Die beiden begannen zu reden, zu lachen. Torre war kein Meister im Flirten – doch das musste er auch nicht sein. Hegra war direkt, unmissverständlich. Sie wollte ihn. Nicht für Spielchen, sondern weil er neu war. Keine alten Geschichten, keine Rivalitäten. Nur… Interesse.

Torre fühlte sich seltsam entspannt. Er antwortete ehrlich, unbeholfen manchmal, aber nie aufgesetzt. Keine blumigen Komplimente, keine leeren Phrasen. Nur Worte, wie sie ihm kamen.

Der Abend verging schnell.

Am nächsten Morgen stand Torre früh auf. Wie immer.Waschen. Rüsten. Schwert und Schild.

Dann ging er durch die langen Gänge des Klosters, vorbei an schweigenden Figuren und uralten Steinwänden, bis er das große Haupttor erreichte.

Er trat ein.

Die Halle war oval, hoch und still. An den Wänden prangten Zeichen und Gemälde der Götter – Symbole, Legenden, alte Gebete. Einige Mönche und Schwestern standen in stiller Andacht oder knieten auf Gebetsteppichen.

Torre trat ein paar Schritte weiter, blieb dann stehen.Er wartete. Wollte niemanden stören.

Dann – eine Stimme. Weich. Würdevoll.„Willkommen, werter Krieger. Was führt euch an diesen Ort?“

Torre drehte den Kopf. Neben ihm stand ein alter Mann in grauer Robe, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Auf seiner Brust: ein Amulett von Vasro.

„Seid gegrüßt, Pater. Ich suche Wissen über die Götter – vor allem über Vasro. Rituale, Gebete… Möglichkeiten, mit ihm zu wirken. Ich will dienen. Nicht nur mit dem Schwert, sondern mit meinem ganzen Wesen.“

Der Mann lächelte.„Dann ist es wohl Schicksal, dass ausgerechnet ich dich anspreche. Kalimba, mein Name. Mein Rang – unwichtig. Folge mir.“

Sie gingen schweigend. Durch Gänge. Treppen hinauf. Höher ins Kloster.

Schließlich erreichten sie einen Raum – hoch, schlicht, ehrwürdig.Ein schwerer Tisch, bedeckt mit Schriftrollen, Tinte und Schreibgerät. Regale voller Bücher und Pergamente. In der Ecke: Zwei Ständer mit alten Rüstungen, gepflegt, aber aus der Zeit gefallen.

Torre betrachtete sie. Kalimba folgte seinem Blick.

„Ich war einmal jung“, sagte der Alte ruhig. „Und hatte andere Aufgaben. Mehr werde ich dazu nicht sagen.“

Er deutete auf zwei Stühle.„Setzen wir uns. Du erzählst von dir – und ich höre zu.“

Torre lehnte sich im Stuhl zurück. „Ich fange vorne an. Meine Heimat liegt hinter den Nebeln, die  umgeben – im kalten Norden. Land und Dorf haben keine Namen. Zumindest keine, die ich kenne. Unser Glaube war einfach: Bitten um gute Ernte, viel Fisch, handwerkliches Geschick, Sicherheit. Namen von Göttern? Brauchten wir nicht.“Er atmete tief durch. „Als Kind war ich mitten drin. Freunde im Dorf, einfache Arbeit. Mein Vater ließ mich früh mit anpacken – nicht, weil ich es wollte, versteht sich. Holz war unser Material: Stühle, Tische, Kisten, ein Boot ausbessern, ein Dach reparieren – was immer das Dorf brauchte. Meine Mutter kümmerte sich um das Haus. Sie war oft traurig.“Torre hielt kurz inne, seine Stimme senkte sich. „Sobald ich durfte, war die Taverne mein Ort. Nicht zum Trinken, sondern zum Zuhören. Fremde Geschichten, Reisende, Händler – das war für mich wie ein Fenster zur Welt.“Er sah Kalimba an. „Ich wollte fort. Aber ich konnte meiner Mutter nicht das Herz brechen. Ich war ihr einziges Kind. Mein Vater hat es ihr dann gebrochen – mit der Nachbarin. Mutter wurde krank. Die Heilerin konnte nicht helfen. Und als sie starb… hielt mich dort nichts mehr.“In diesem Moment brachte eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, eine Karaffe Wein und zwei Becher. Kalimba hatte bereits die Schreibfeder in der Hand.„Ihr erlaubt doch – das alte Gedächtnis“, sagte er lächelnd. Torre nickte freundlich und sprach weiter:„Ferndenden, Anrea, Terra Incognita – ich war unterwegs als Kämpfer. Kämpfen hatte bei uns im Dorf jeder gelernt, irgendeine alte Tradition. Ich war frei, ich war glücklich. Die genauen Abenteuer erzähle ich später, wenn Ihr mögt.In  hörte ich zum ersten Mal von den Neun Mächten. Vom Pakt der Sieben, der zum Pakt der Acht wurde. Und von das Urböse – dem Nichts. Bei Werburg hatte ich meinen ersten großen Kampf auf diesem Kontinent. Ich sah Dinge, die ich nie für möglich gehalten hätte: Dämonen, Teufel. Eine Teufelin, schön und trügerisch, zwang mich, meine Kameraden anzugreifen. Der junge Paladin Flut fiel durch meine Klinge – bewusstlos. Und wurde von Dämonen verschleppt.“Torre senkte den Blick. „Diese Schuld trage ich. Auch wenn Fluts Bruder Ebbe mir vergeben hat.“Dann hob er den Kopf wieder. „ ist jetzt meine Heimat. das Urböse mein Feind. Vasro meine Stütze. Und Fluts Verschwinden meine Last.“Ein Moment der Stille.Kalimba lächelte sanft. „Danke, Torre. Was hältst du von etwas Luft und Bewegung?“ Er stand auf und ging zur Tür, ohne die Antwort abzuwarten. Torres Einverständnis war selbstverständlich.Draußen – ein staubiger Platz zwischen Kloster und zwei Gebäuden. Kalimba setzte sich auf eine Bank am Rand.„Torre, zeig mir bitte, wie du dich mit dem Schwert bewegst.“Torre zog seine Waffe. Er begann mit Trockenübungen. Über eine Stunde lang beobachtete Kalimba ihn, stellte Fragen, korrigierte Kleinigkeiten.Am Ende nickte der alte Mann. „Gut. Torre, du wirst ausgebildet. Tu, was ich und andere dir sagen. Übe. Lerne. Du hast viel vor dir – und wenig Zeit. das Urböse ist nicht geduldig.“Torre lächelte. Worte waren nicht nötig. Er war nun Schüler des Klosters.Der Rest des Tages verflog. Theorie mit Kalimba. Riten, Gebete, Grundwissen über die Pantheon von Gut und Bös – die guten wie die schlechten. Als der Abend dämmerte, kehrte Torre erschöpft zu seiner Kammer zurück.Ein gefalteter Zettel war an der Tür genagelt. Drinnen las er die Nachricht: *Komm gerne zu mir – heute wirklich nur reden. Hegra.*Er holte sich in der Küche etwas zu essen, eine Karaffe Wein, und klopfte bei Hegra. Sie öffnete und lächelte zufrieden.Sie saßen auf ihrem Bett, aßen gemeinsam und sprachen über ihren Tag. Torre erzählte von Kalimba, von den Übungen, von den ersten Lektionen. Hegra hatte Stadtwache gehabt – ruhig, entspannt. „Die Stadt ist kein Ort für Diebe oder Halunken“, sagte sie. „Zu abgelegen, zu fromm, zu militärisch.“ Dann seufzte sie. „Die nächsten drei Nächte hab ich Mauerwache… schade.“Torre beugte sich vor und küsste sie. „Ich bin noch vier Tage hier. Vielleicht länger.“Sie gähnte, blickte ihn müde an. „Heute kann ich dir nur kuscheln bieten. Keine Action wie gestern Nacht. Bleibst du trotzdem?“„Ja“, sagte Torre einfach.Wenig später lagen sie eng nebeneinander in dem schmalen Bett.

Zwei Tage vergingen in intensivem Training. Kalimba übernahm die Theorie: Götterkunde, Riten, die Wirkung heiliger Worte. Dazwischen trat ein neuer Lehrer in Torres Leben – Brock, ein grimmiger, wortkarger Veteran, der für den Nahkampf zuständig war. Torre lernte schnell: Wer bei Brock nicht aufpasste, lernte durch blaue Flecken.

Mehrmals täglich wechselte er zwischen den beiden Ausbildern – Gebetsformeln, Atemtechnik, Hiebe und Paraden, Meditationen. Kalimba forderte Geist und Glauben, Brock den Körper.

Am dritten Morgen verschlief Torre. Hektisch warf er sich in seine Kleidung, hastete durch die Gänge – und rannte beinahe Kalimba über den Haufen.

Der alte Mann wich mit überraschender Eleganz zur Seite und schmunzelte. „Wer viel übt, muss auch gut ruhen – aber vielleicht nicht ganz so lang. Komm, wir gehen vor die Stadt. Für deine nächste Lektion brauchen wir Luft. Und Abstand. Anfängerzauber in der Stadt – das verträgt sich selten.“

Sie verließen das Kloster durch ein kleines Nordtor. Der Wind war kühl, der Himmel hell. Zwischen Felsen und Staub lernte Torre sein erstes heiliges Lichtgebet. Ein schlichtes Zeichen, eine stille Bitte – und aus seinen Händen strahlte Wärme, die Dunkelheit vertreiben konnte. Kein Feuer, kein Blitz – nur Licht.

Als sie zurückkehrten, wartete Jaron von Kregon bereits in der Halle. Mit verschränkten Armen und ernster Miene verkündete er:

„Torre. In drei Tagen begleitest du mich auf eine Expedition. Vorbereitung beginnt morgen.“

Torre nickte – zugleich ehrfürchtig und gespannt. Doch ein anderer Gedanke ließ ihn nicht los.

Hegra.

Er musste sie sehen. Musste es ihr sagen. Drei Tage, vielleicht länger – draußen, ohne Gewissheit. Die Sehnsucht wuchs.

Später Abend.Torre kletterte leise auf die Mauer – im Beutel eine kleine Flasche leichten Weins und eine einzelne Blume, selten und teuer in dieser Gegend. Er hatte herausgefunden, dass dies Hegras Abschnitt war.

Er entdeckte sie schnell.Kaum hatte sie ihn gesehen, da flog sie ihm entgegen – direkt in seine Arme.

Ein Kuss. Warm. Zärtlich. Kein Wort nötig.

Dann reichte er ihr die Blume.Sie hielt inne – gerührt. Vorsichtig steckte sie die blaue Blüte in ihr rotes Haar.„Das wäre nicht nötig gewesen…“„Ich weiß“, sagte Torre leise. „Aber ich wollte es.“

Er zögerte kurz, dann:„Ich muss ein paar Tage fort. Jaron persönlich nimmt mich mit auf eine Expedition.“

Hegra seufzte.„Schade. Bleibst du… vielleicht ein bisschen hier? Heute Nacht, auf der Mauer?“

Sie blieben. Teilten sich den Wein. Sprachen über ihre letzten Tage. Torre zeigte stolz seinen neuen Lichtzauber – ein sanfter Schein in seiner Handfläche, der ihre Gesichter in silbernes Leuchten tauchte.Hegra erzählte vom Nachtdienst – ruhig, wenig los, aber kalt.

Die Spannung zwischen ihnen wuchs. Unausweichlich. Die Nähe, der Wind, der Mond – alles schob sie zueinander.

Kurz vor Mitternacht war es nicht mehr zu halten. Sie verschwanden gemeinsam im nahen Wachturm, schlossen die Tür von innen.Kein Platz für Zurückhaltung.Es war zu frisch, zu intensiv – und vielleicht auch zu verlockend, genau hier und jetzt zusammen zu sein.

Als sie später wieder hinaustraten – etwas zerzaust, aber strahlend – wartete Jaron auf sie.Er verschränkte die Arme, versuchte streng zu wirken… doch das Grinsen, das sich in seine Züge schlich, war nicht zu übersehen.

„Gute Idee mit dem Turm. Aber: Ihr wart zu laut. Die halbe Stadt weiß inzwischen, was ihr gemacht habt. Und dass ihr offenbar sehr viel Spaß dabei hattet.“

Torre und Hegra wurden schlagartig rot.Fast gleichzeitig sagten sie: „Ja, Herr… Strafe?“

Jaron hob eine Augenbraue.Dann begann er – mit ernster Stimme und viel Nachdruck – eine Standpauke über Dienstpflichten, Selbstbeherrschung und angemessenes Verhalten im Wachdienst.

Das Urteil:Hegra bekam drei Nächte Zusatzdienst.Torre musste sich auf der kommenden Expedition um alle Pferde kümmern.Normalerweise versorgte jeder sein eigenes – jetzt war es seins, für alle.

Der nächste Mittag.

Torre schuftete im Stall – die Vorbereitung für die Expedition lief auf Hochtouren. Es sollte doch schon am nächsten Morgen in aller Frühe losgehen. Heu machen, Sättel putzen, ausfegen, Wassereimer schleppen – alles lag an ihm.

Doch er war glücklich. Nicht, weil die Arbeit leicht war, sondern weil er wusste, wer ihm das eingebrockt hatte. Und warum. Er lächelte – und arbeitete weiter.

Am Nachmittag stand Waffentraining an – mit der Expeditionsgruppe. Jaron leitete es persönlich. Mit dabei: Wergo, Otar, Umar und Torre selbst. Wergo und Otar waren starke Kämpfer, robust, erfahren. Jaron – ohnehin überragend. Umar war anders: Späher, flink, klug. Er beobachtete mehr, als er angriff.

Gegen Abend bezogen sie ihre gemeinsame Unterkunft – für die letzte Nacht vor dem Aufbruch. Die Stimmung war ruhig, konzentriert.

Da öffnete sich die Tür.

Hegra stand da – ungewohnt schüchtern, fast wie ein Mädchen. Sie trat mit fahrigem Blick auf Jaron zu.

Bevor sie den Mund öffnen konnte, sagte er trocken: „Ganz kurz. Ihr bleibt in meinem Sichtfeld.“

Der Abschied

Hegra und Torre standen in der Ecke des kleinen Gruppenschlafraums. Ein kurzes Flüstern, dann ihr erster öffentlicher Kuss – nicht, dass nicht ohnehin schon die halbe Stadt von ihrer Verbindung wusste.

Es war ein Abschied, wie ihn nur zwei gestandene Krieger erleben: mit klaren Gefühlen und der Kraft, sie zu zeigen. Kein Zögern, keine Heimlichkeit. Nur gegenseitiger Respekt und Nähe.

Hegra ging – aufrecht, stolz, mit einem glücklichen Blick.

Kaum war sie aus der Tür, spendete die Gruppe Applaus. Ein paar laute Rufe, Schulterklopfen. Selbst Jaron lächelte und klatschte zweimal in die Hände. Torre wurde rot, aber er grinste.

Aufbruch

Die Nacht war kurz. Noch vor der Morgendämmerung wurden letzte Handgriffe erledigt – dann brach die Gruppe auf.

Wohin, das verriet Jaron nicht. Die Richtung war unbekannt. Keine Seele war unterwegs zu sehen. Die Stimmung blieb locker. Die Männer lachten, tauschten Anekdoten, genossen den Weg.

Torre hörte zu – besonders, als das Gespräch auf Hegra kam.

„Sie ist der Schwarm der ganzen Kompanie“, sagte Otar. „Aber sie hat nie einen genommen. Nicht von uns, nicht von außen.“

„Man erzählt sich was Trauriges aus ihrer Jugend“, meinte Wergo. „Aber keiner kennt die ganze Geschichte.“

Torre schwieg. Er hörte zu – und behielt seine Gedanken für sich.

Erste Rast

Am späten Nachmittag machten sie Halt. Einfaches Lager, Suppe, Wasser. Jaron setzte sich ans Feuer und sprach zur Gruppe:

„Sero hat geredet. Ausführlicher, als erwartet – und laut dem Magier die volle Wahrheit. Rangos der Schmied ist der Anführer der Bande. Torre – die Zwergin, die du im Kampf erschlagen hast, war seine Schwester.“

Torre sah stumm ins Feuer.

„Sero kennt zwei Zwischenlager – beide verlassen. Mehr weiß er nicht, dort war er nie. Die Spuren führen nach Lamera. Ein Dorf, das wir kurz nach Einbruch der Nacht erreichen.“

Er hielt kurz inne. „Kundschafter berichten: Ein Faun wurde dort kürzlich gesehen.“

Stille. Schließlich fragte Torre: „Also bin ich wegen ihm hier?“

Jaron nickte. „Auch. Kalimba will, dass du im Feld geprüft wirst. Und ich will, dass dem alten Mann dabei nichts zustößt.“

Lamera

Kurz nach Sonnenuntergang erreichten sie das Dorf. Am Rand wartete bereits Kara, eine der Kundschafterinnen.

„Nichts Neues, Herr Jaron. Der Faun ist noch da. Wünscht Ihr Zugriff in der Nacht – oder morgen früh offiziell?“

„Morgen“, entschied Jaron. „Mit dem Dorfältesten. Wir machen es ordentlich. Zrago soll dabei sein.“

Er zeigte auf Wergo. Kara nickte, lächelte – und ging auf Wergo zu. Die beiden umarmten sich, tauschten einen kurzen, warmen Kuss.

Dann führte sie die Gruppe ins Dorf – zu einer kleinen Hütte am Rand.

Drinnen: Ein Tisch mit Essen und Getränken, sonst nur leerer Boden.

„Tut mir leid“, sagte Kara. „Mehr war auf die Schnelle nicht zu bekommen. Ihr müsst auf dem Boden schlafen.“

Die Männer zuckten die Schultern. Kein Widerspruch – sie hatten schon unter weitaus schlimmeren Bedingungen geruht.

Der Zugriff

Noch vor Sonnenaufgang klopfte es an der Tür der kleinen Hütte. Die Gruppe war gerade beim Frühstück. Kara – sie hatte die Nacht ebenfalls hier verbracht – öffnete.

Drei Männer traten ein.

„Guten Morgen. Ich bin Zrago, für die, die mich noch nicht kennen“, sagte der Älteste mit tiefer Stimme. „Das sind meine Helfer.“ Er deutete auf die beiden kräftigen Männer an seiner Seite – jeder trug einen schweren Knüppel. „Wir sollten aufbrechen, bevor das Dorf erwacht und Farin gewarnt wird.“

Jaron nickte. Keine Worte nötig.