Ein großer Tross, langsam, aber fast unaufhaltsam. Drei Wochen bis zur Festung von Blaubart am Meer, so die Schätzung der Generäle.
Torres Gruppe wechselte zwischen Reisen im Tross und Spähritten hin und her. Die ersten zwei Wochen verliefen ruhig, die Straßen waren in gutem Zustand.
In der dritten Woche, im vermuteten Einflussbereich von Blaubarts Verbündeten, wurden Wachen und Patrouillen verstärkt. Die Stimmung wurde angespannter.
Torres Gruppe machte Rast im Schatten einiger Bäume. Es war heiß, die Mittagssonne brannte. Alle waren aufmerksam, doch es geschah dennoch: Acht Gestalten in dunklem Leder, die Gesichter vermummt, sprangen aus dem Gebüsch.
„Hinterhalt!“ rief Kara. Alle sprangen auf, zogen Waffen, doch es wäre zu spät gewesen, hätte Tara nicht reagiert. Mit einem Satz in fremder Sprache und ausladender Geste schleuderte sie einen konzentrierten Windstoß auf die Angreifer. Zwei wurden umgeworfen, die anderen taumelten.
Das reichte. Torre und seine Kameraden griffen sofort an. Der Kampf war kurz, sechs Gegner starben, einer verblutete, ein letzter überlebte schwer verletzt.
Wergo und Hegra näherten sich dem letzten Feind. „Finger weg von den Waffen. Hände auf den Kopf!“ rief Wergo. Der Feind gehorchte, zitternd. Hegra trat vorsichtig näher, trat die Axt zur Seite. „Noch Waffen?“
„Rechter Stiefel“, kam es leise, die Stimme überraschend hell, fast brüchig.
Hegra zog das Messer hervor, warf es fort. Erst jetzt, als sie näherkam, erkannte sie es. „Torre… du musst das sehen.“
Torre trat hinzu, beugte sich vor und zog die Stoffmaske ab. Eine junge Frau, kaum älter als 25, mit dunklen Augen voller Panik. Ihre Wange war blutverschmiert, ihr Blick flackerte zwischen den Kriegern hin und her.
„Bitte… bitte, tut mir nichts. Ich hatte keine Wahl. Ich… ich hatte nur Befehle…“
Die Gruppe war einen Moment lang sprachlos. Die Panik in den Augen der Frau wirkte tief, nicht bloß taktisch.
„Name? Vorgesetzte?“ fragte Torre ruhig.
„Drana… Drana Bergwald… Späherabteilung unter Kommandantin Cresta Krug…“
Tara trat hinzu, kniete sich neben sie. Ihre Hände leuchteten leicht, als sie Dranas Seitenwunde versorgte. „Sie sagt die Wahrheit. Ihre Angst ist echt.“
Drana wurde gefesselt, aber vorsichtig behandelt. Am Abend wurde sie in den rollenden Gefangenenwagen gebracht, das „Käfig-Fuhrwerk“. Torres Gruppe übernahm die Bewachung. Jaron und Tara wollten sie am Morgen verhören.
Am Morgen war sie kaum ansprechbar, hatte die Nacht durch geweint. Tara sondierte vorsichtig ihren Geist: Keine Lügen. Auftrag: Späher und Störtrupp gegen Kundschafter der feindlichen Armee.
„Was machen wir mit ihr?“ fragte Torre leise.
„Vier Tage von hier ist Lorgos. Verbündete Stadt. Sie wird dort untergebracht, bis zum Prozess“, entschied Jaron. „Aber… Cresta Krug. Die merken wir uns.“
Drana sackte zusammen, als sie das hörte. Nicht aus Erleichterung. Sondern weil sie wusste, was noch alles folgen konnte.
Zwei Tage später, Seefelz – Burg und Rückzugsort von Blaubart. Dunkle Räume, bedrohlich und kalt trotz der Hitze draußen.
Ein junger Soldat stieg eine steile Treppe hinauf, sichtlich unruhig. Er musste Blaubarts Geheimdienstchefin Cresta Krug schlechte Kunde überbringen – und so etwas konnte schnell gefährlich werden.
Er klopfte an das oberste Turmgemach. Kurz darauf öffnete eine junge Frau, ungefähr in seinem Alter, spärlich bekleidet. Crestas aktuelle Gespielin. Sie sah ihn ernst an, als er ihr die Dokumentenrolle entgegenhielt.
„Hältst du mich für bescheuert? Das machst du selbst. Sie ist im Arbeitszimmer.“
Sie trat zur Seite und ließ ihn ein. Dann setzte sie sich ans Fenster, der Blick hinaus aufs Meer gerichtet.
Der Soldat durchquerte den Wohn- und Empfangsraum, in dem Kriegs- und Jagdtrophäen von den Wänden starrten. Links hielt er sich, zum offenen Arbeitszimmer.
Cresta Krug stand mit dem Rücken zu ihm. Mitte fünfzig, groß, schlank, mit athletischer Haltung. Das silbergraue Haar fiel offen über ihren Rücken. Als sie sich umdrehte, spannte die Bluse über ihrer Brust. Das Gesicht – schön, fast makellos, kaum Falten. Sie wäre beeindruckend, vielleicht sogar anziehend gewesen, wäre sie nicht sie.
Sie deutete wortlos auf die Dokumente und dann auf den Besucherstuhl.
Er reichte ihr das versiegelte Schreiben, setzte sich. Sie las, schweigend.
Ihre Miene verfinsterte sich.
„Ehrlich? Nicht nur einen Trupp verloren, sondern eine wurde gefangen und hat geredet? Dazu noch eine Desertion? Und der Kriegerbund steht in drei Tagen hier?“
Er nickte stumm.
„Ruf alle zurück. Wir halten die Burg.“
Eine knappe Handbewegung entließ ihn.
Er stand auf, verbeugte sich und verschwand, so schnell es seine Fassung zuließ.
Cresta eilte durch die Burg, schnurstracks, ohne Umwege, ohne Rücksicht. Keine Boten diesmal, kein Gerede. Wer ihr begegnete, machte wortlos Platz. Jeder wusste: Wenn sie so wirbelte, war etwas passiert – etwas Schlimmes.
Gerüchte kursierten ohnehin schon: neue Befehle, eine mögliche Belagerung. Die riesige Seefelz-Burg mochte aus Stein gebaut sein, aber Nachrichten zogen schneller durch ihre Gänge als jeder Wind.
Cresta stieß die Tür zu Tusgo Blaubarts privaten Gemächern auf, ohne anzuklopfen. Aus dem Schlafzimmer drangen eindeutige Geräusche. Seine Frau war auf Reisen.
Sie klopfte drei Mal kräftig an den Türrahmen.„Tusgo, Cresta. Es ist wichtig.“
Stille. Ein Fluch. Dann Rascheln. Die Tür öffnete sich. Tusgo im Morgenmantel, unrasiert, das Haar wirr. Hinter ihm trat eine junge Magd hervor, das Kleid falsch herum, der Blick gefasst. Sie ging wortlos hinaus.
Tusgo trat zum Regal, füllte zwei Gläser Brandwein. Reichte ihr eines.„Ich höre.“
Cresta berichtete: Die abgefangenen Dokumente. Der verlorene Trupp. Die Gefangene. Die desertierten Männer. Ihre Befehle zur Verteidigung.
Tusgos Gesicht wurde hart.„Nicht gut. Du solltest uns Zeit verschaffen. Jetzt werden die Händler mit ihren Kanonen nach unserem Feind eintreffen – und wir hätten diese Kanonen gebraucht.“
„Ich weiß“, sagte Cresta. „Aber ich habe dir oft genug gesagt, ich brauche bessere Leute. Zwangsverpflichtete taugen nichts.“
Sie tranken. Kein Streit. Keine Zeit.Sie gingen ins angrenzende Arbeitszimmer. Die Karten lagen bereit. Die Planung begann – nicht mehr für einen Feldzug. Fürs Überleben.
Die Armee erreichte ihr Ziel.Zuvor war sie an zwei bereits geräumten Außenposten vorbeigekommen – man würde sie also erwarten, das war allen klar.
Das Meer rauschte, die Luft war schwer vom Salz – und direkt vor ihnen erhob sich Seefelz, die Burg, nur unweit vom Strand entfernt.
Sofort wurde wie geplant das Gelände abgesichert. Binnen zwei Stunden war die Festung vollständig umstellt – eine Flucht unmöglich.
Die Nacht brach herein.Für den Aufbau eines Lagers blieb keine Zeit – der würde bis zum Morgen warten müssen. Stattdessen nutzte man die Dunkelheit, um die Kanonen in Stellung zu bringen:– Die leichten Feldgeschütze wurden gleichmäßig um die Burg verteilt.– Die vier schweren Belagerungskanonen positionierte man im Bogen vor dem Haupttor.
Einzelne Bedienstete, die noch zu fliehen versuchten, wurden aufgegriffen. Die Verhöre begannen umgehend. Am Morgen wusste man zumindest, wer Cresta Krug war. Viel mehr aber nicht.
Bei Tagesanbruch schickte man zwei Boten mit einem Ultimatum zur Kapitulation – doch beide wurden noch auf dem Weg zur Burg, gesetzeswidrig, erschossen.
Noch bevor der zweite Bote vom Pferd gefallen war, kam der Befehl:
„Feuer frei!“
Die schweren Kanonen donnerten. Blitze und Krachen, schwere Steinkugeln trafen die Mauern und das eiserne Gitter vor dem Tor. Die Burg bebte – doch sie hielt der ersten Salve stand. Dennoch war die Wirkung der Geschütze unübersehbar: Reichweite, Stärke und Präzision beeindruckten selbst erfahrene Krieger.
Das Nachladen dauerte.Insgesamt vier Salven wurden bis zum Mittag abgefeuert, vier weitere am Nachmittag.Dann – Zwangspause über Nacht.Die Geschütze sollten nicht überstrapaziert werden – zu groß war die Gefahr eines Schadens.
Die Burg selbst zeigte keine Reaktion.Ihre Waffen reichten nicht weit genug.Die Belagerer waren in Sicherheit.
Der nächste Vormittag verlief wie der erste: Vier weitere Salven erschütterten die Mauern.Die massive Fassade begann sichtbar zu bröckeln, das schwere Gitter vor dem Haupttor hing nun schief und war tief eingedellt – ein Zeichen dafür, dass der Durchbruch nur noch eine Frage der Zeit war.
Doch bevor die nächste Salve geladen werden konnte, wagte der Feind einen verzweifelten Gegenangriff: Etwa 150 Lanzenreiter stürmten durch ein Seitentor, ritten dicht an der Burgmauer entlang und griffen in vollem Galopp die Stellung der Belagerer an – direkt auf die Geschütze zu.
Drei der kleineren Kanonen konnten noch feuern, rissen Lücken in die Formation. Dann folgte der Hagel aus Bögen, Armbrüsten und Musketen. Die Angreifer verloren rasch an Zahl.
Noch bevor sie zwei Drittel der Strecke zurückgelegt hatten, brachen sie den Angriff ab und zogen sich unter schwerem Beschuss zurück in die Burg. Fast die Hälfte ihrer Kameraden hatten sie dabei verloren.
Ein gewaltiger Jubel brandete unter den Belagerern auf.
Tusgo stand am Fenster und beobachtete den Ausfall, den er selbst befohlen hatte.Er sah, wie Kanonen und leichte Schusswaffen seine Reiter niedermähten. Noch bevor sie das Ziel erreichten, brachen sie eigenmächtig den Angriff ab. Nur die Hälfte kehrte lebend zur Mauer zurück.
Tusgo tobte. Eine Flasche zerschellte an der Wand, begleitet von einem wütenden Schrei.
Seine heutige Dienerin, nur halb bekleidet, flüchtete panisch aus den Gemächern. Es war ihr gleich – sie hatte gesehen, was mit ihrer Freundin passiert war, nachdem die in einem seiner Wutanfälle zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war. Drei Tage hatte das Mädchen im Krankenflügel gelegen.
Die Dienerin rannte, hastig und mit gesenktem Blick – und stieß beinahe mit Cresta zusammen, die gerade den Gang entlangkam.Ein lüsternes Lächeln glitt über Crestas Gesicht. Die junge Frau würdigte sie keines Blickes und floh weiter.
Cresta öffnete unaufgefordert die Tür zu Tusgos Gemächern.Sie war die Einzige, die sich an diesem Ort trauen konnte – und durfte – ihm jetzt noch gegenüberzutreten.
„Tusgo, Konzentration.“Crestas Stimme war scharf, aber ruhig. „Das Tor könnte heute Nachmittag noch fallen – spätestens morgen Vormittag. Ausfälle bringen nichts. Gegen diese Armee kommen wir nicht an, das habe ich dir gestern schon gesagt.“
Sie trat näher an ihn heran, ließ ihren Blick nicht von seinem Gesicht. „Wir müssen sie in die Burg locken. Im Nahkampf haben wir eine Chance – genau das habe ich dir gestern erklärt.“
Niemand sonst hätte es gewagt, Tusgo so zurechtzuweisen. Nicht, wenn ihm sein Leben lieb war. Doch Cresta war niemand – sie war die Eine, die sich das erlauben durfte.
Tusgo atmete schwer durch. Der Zorn wich aus seinem Gesicht, seine Stimme war fast kleinlaut.„Du hast ab sofort das Kommando. Sorge dafür, dass wir überleben.“
Tor und Mauer bebten und ächzten.Die gesamte Burg war erfüllt von Angst. Selbst die härtesten Soldaten waren nach dem katastrophalen Ausfall am Vortag demoralisiert und erschöpft.
Alles war in Unordnung. Cresta schrie Befehle durch die Höfe und Gänge – nicht aus Patriotismus oder Pflichtgefühl, sondern weil sie Zeit brauchte. Der Abtransport ihres geheimen Projekts durch ein ebenso geheimes Tunnelsystem war erst zur Hälfte abgeschlossen.
Also übernahm sie notgedrungen vorübergehend die Verteidigung der Burg.
Für einen Moment schweiften ihre Gedanken ab – zur Frau, die in ihren Gemächern auf sie wartete. „Nicht jetzt,“ ermahnte sie sich selbst.
Sie bellte weiter Befehle. Langsam, sehr langsam, ordnete sich das Chaos.
Vor der Burg.Die Vorbereitungen für den Sturm laufen auf Hochtouren. Das schwere Eisengitter ist bereits gefallen – bei der nächsten Salve wird auch das hölzerne Haupttor brechen.
Torres Gruppe steht bereit. Sie sollen zur ersten Welle gehören.Ein Himmelfahrtskommando – doch jemand muss es tun.
Mit der nächsten Salve splittert das Tor – Holz, Eisen und Staub fliegen auseinander.Die erste Welle setzt sich sofort in Bewegung. Ein Hagel aus Pfeilen, Bolzen und Musketenkugeln schlägt ihnen entgegen. Schon nach wenigen Schritten bricht die Formation auseinander – jeder kämpft jetzt für sich.
Nur in der Mitte hält sich eine Kerngruppe: etwa zwanzig Krieger, angeführt von Torre.Er brüllt gegen das Chaos an: „Schilde hoch! Haltet die Linie!“
Mit der nächsten Salve splittert das Tor – Holz, Eisen und Staub fliegen auseinander.
Die erste Welle setzt sich sofort in Bewegung. Ein Hagel aus Pfeilen, Bolzen und Musketenkugeln schlägt ihnen entgegen. Schon nach wenigen Schritten bricht die Formation auseinander – jeder kämpft jetzt für sich.
Nur in der Mitte hält sich eine Kerngruppe: etwa zwanzig Krieger, angeführt von Torre.
Er brüllt gegen das Chaos an: „Schilde hoch! Haltet die Linie!“
Tatsächlich erreichen alle aus Torres Kerngruppe und einige weitere Soldaten lebend das zerschmetterte Tor – doch über hundert Kameraden bleiben zurück.
Etwa dreißig stürmen über die Trümmer. Zwanzig Feinde stellen sich ihnen entgegen, auch hier liegen Tote – gefallen im Artilleriebeschuss.
Tara, die es irgendwie ohne Schild bis hierher geschafft hat, eröffnet den Kampf mit einem Feuerball.
Die magische Explosion reißt mehrere Feinde zu Boden und stiftet Panik.
Ein kurzer, harter Kampf entbrennt. Der Beschuss von oben erschwert jede Bewegung, doch die Angreifer setzen sich durch. Drei ihrer eigenen fallen, drei weitere – darunter Otar – werden verletzt und ziehen sich auf Torres Befehl zurück.
„Hoch zu den Schützen! Bereiten wir der zweiten Welle den Weg – los!“ ruft Torre.
Ohne zu zögern stürmen sie die steile Treppe hinauf – hinauf auf den Wehrgang. Was dort folgt, ist mehr Gemetzel als Kampf. Die Schützen sind ohne Nahkampfdeckung, völlig überfordert.
Die zweite Welle rollt heran. Dank des freigekämpften Durchgangs schaffen es diesmal hundert von hundertfünfzig Kämpfern bis ins Innere. Der Kampf verlagert sich tiefer in die Höfe der Burg.
Der Widerstand ist hart – aber Torre und Wegro ist schnell klar: Irgendetwas stimmt nicht. Es ist zu leicht.
Die dritte und vierte Welle folgen, diesmal ohne Verluste.
Langsam schwärmen sie in die Nebengebäude aus, sichern Flure und Lagerräume.
Die Reste der ersten beiden Wellen – kaum mehr als hundert Männer und Frauen – bleiben zurück. Kara verliert mit einem Bolzen im Bein den Anschluss.
Torre und Hegra, beide ohne Schilde, führen einen kleinen Trupp direkt auf das Hauptgebäude zu.
Zeitgleich im Inneren der Burg:
Blankes Chaos. Crestas organisierter Widerstand bricht schneller zusammen, als ihr lieb ist. In den Tunneln staut sich der Rückzug – bei einem der Wagen ist die Achse gebrochen, nichts geht mehr.
Wütend beordert sie ihre Leibwächter zum Tor des Hauptgebäudes. Sie müssen nun das retten, was noch zu retten ist – sie und ihr Projekt.
Schnellen Schrittes hastet sie die Treppe zu ihren Gemächern hinauf. Oben beginnt sie sofort, ihren Rucksack mit geheimen Dokumenten zu füllen. Dann ins Schlafzimmer – ihre beiden Pistolen, der Säbel.
Auf dem Bett liegt ihre Geliebte, festgebunden, nackt, verzweifelt.
„Bitte, nimm mich mit! Lass mich gehen!“
Cresta wirft ihr einen knappen Blick zu. Dann zuckt sie mit den Schultern. Keine Zeit mehr für Schwäche.
Ohne ein Wort dreht sie sich um und verschwindet – die Schreie hinter ihr werden leiser, je weiter sie sich entfernt.
Zur gleichen Zeit:
Tusgo Blaubart plant seine Flucht. Er versammelt alle verfügbaren Reiter, einschließlich seiner persönlichen Leibwache, bei den Stallungen.
Der Plan ist einfach – und verzweifelt: Durchbruch am Strandtor, dann über die Klippen zum versteckten Hafen.
Die Vorbereitungen laufen fieberhaft. Es muss schnell gehen.
Der Feind steht bereits in den Vorhöfen der Burg.
Die Nebengebäude
Die Nebengebäude wurden rasch und effizient gesäubert – brutaler als befohlen. Der Anblick der gefallenen Kameraden vor dem Tor und auf dem ersten Hof hatte Spuren hinterlassen. Kaum jemand zeigte noch Nachsicht. Jeder, der auch nur eine Waffe trug oder sich bedrohlich verhielt, wurde erschlagen.
Nur wer unbewaffnet war oder sich klar ergab, wurde verschont und in den großen Vorhof getrieben.
Panik unter den zivilen Bewohnern. Waffen und Werkzeuge wurden hektisch fallengelassen, viele gingen auf die Knie, die Hände erhoben. Einige besonnene Offiziere der Belagerer erhoben nun laut ihre Stimmen.
Sie riefen zur Ordnung, mahnten zu Disziplin und Menschlichkeit – mit Erfolg. Es blieb bei wenigen tragischen Zwischenfällen. Ein Massaker wurde verhindert.
Torre und das Hauptgebäude
Torre, nun mit dem Schild eines gefallenen Verteidigers in der Hand, führte seine Leute in Richtung Hauptgebäude. Dort stellten sich ihnen Crestas persönliche Wachen entgegen – kampferprobte Veteranen, zäh und entschlossen.
Jeder Schritt vorwärts wurde mit Blut bezahlt.
Doch schließlich durchbrachen sie die Verteidigung und standen in der großen Vorhalle. Überall weinende oder stumme Angestellte, teils verletzt, teils mit erhobenen Händen. Kein sichtbarer Feind mehr.
Die Kämpfer hielten inne, atmeten schwer. Dann teilten sie sich in kleinere Gruppen auf, um das Gebäude systematisch zu durchsuchen – Kammer für Kammer, Flur für Flur.
Sie wussten nicht, was sie noch erwartete.
Der letzte Fluchtversuch und Crestas Plan
Als der Zugang zum Hauptgebäude fiel, saß Tusgo Blaubart bereits im Sattel. Um ihn versammelten sich seine letzten Reiter – kampferprobte Männer und Frauen, bereit für das Unmögliche. Das Tor zum inneren Burghof wurde geöffnet, sie galoppierten los.
Was folgte, erinnerte an den gescheiterten Ausfall zwei Tage zuvor. Wieder donnerten die Kanonen. Wieder peitschte ein Hagel aus Pfeilen, Bolzen und Kugeln durch die Luft. Doch diesmal gab es kein Zurück. Jeder der Reiter wusste: Dies war kein Manöver – es war ein Fluchtversuch um jeden Preis.
Tusgo, zentral in der Formation, ritt geschützt von seinen Leuten. Hoffnung keimte auf – vielleicht würde es gelingen. Dann, nur Sekunden bevor sie auf die Nahkampflinien der Belagerer trafen, schlug eine Kanonenkugel fast direkt vor ihm ein. Sein Pferd stürzte, Tusgo wurde aus dem Sattel geschleudert, schlug mit dem Kopf auf dem Boden auf und verlor das Bewusstsein.
—
Crestas letzter Zug
Zur selben Zeit schlich Cresta Krug durch die Schatten der Burg. Zweimal beinahe entdeckt, doch sie entkam. Jeder Schritt saß. Sie kannte jeden Geheimgang.
Endlich erreichte sie den Kellerzugang. Die verborgene Tür – hinter einer unscheinbaren Fackelhalterung – öffnete sich. Bevor sie hindurchschritt, aktivierte sie eine alchemistische Sprengfalle – für den Fall, dass ihr Rückzugsweg entdeckt wurde.
Sie atmete tief durch, ein kaltes, selbstzufriedenes Lächeln auf den Lippen. Ihr Plan war aufgegangen. Die Räuberüberfälle, die Manipulation Blaubarts, die gestreuten Hinweise auf das das Urböse – alles Teil ihres Spiels.
Jetzt waren die uralten Artefakte und geheimen Bauteile in ihren Händen.
Ein Helfer trat zu ihr. „Herrin, die Achse ist repariert. Die Wagen rollen. Teile sind bereits auf das Schiff verladen.“
Cresta nickte zufrieden.
„Dann beginnt jetzt das wahre Werk.“
Die Durchsuchung der Burg dauerte den ganzen Tag. Erst als jede Kammer, jeder Gang, jede Kammerdienerkammer überprüft war, konnten sie sicher sein: Es gab nichts wirklich Aufschlussreiches. Keine Pläne, keine Artefakte – zumindest keine offensichtlichen.
Torre kam erschöpft die große Treppe herunter. Hinter ihm folgte eine junge Frau – Crestas Geliebte. Nun angezogen, aber wieder gefesselt. Eine wichtige Zeugin, wie es hieß.
Torre empfand echtes Mitleid. Doch Jaron, der sich noch immer in Crestas Gemächern aufhielt, hatte die Fesseln persönlich angeordnet.
Torre übergab sie an zwei Wachen, wollte sich gerade auf eine Bank sinken lassen, da humpelte Kara hastig auf ihn zu. Der Bolzen war entfernt, das Bein ordentlich verbunden, aber sie bewegte sich noch mühsam.
Sie reichte ihm ein Blatt – oder besser: ein Fragment eines größeren Schriftstücks.
Zeichen. Symbole. Muster, die Torre nicht kannte.
Er rief sofort nach Tara und gab ihr das Stück. Sie betrachtete jede Linie, jeden Kringel, jeden Fleck mit größter Konzentration. Schließlich hob sie den Blick.
„Alt“, sagte sie leise. „Sehr alt. Das hier… das ist Teil einer Beschwörung. Vermutlich. Aber es fehlt zu viel, um sicher zu sein.“
In diesem Moment ein dumpfer Schlag.
Die Burg erbebte.
Dann drang Rauch aus dem Kelleraufgang. Dick. Schwärzlich.
Ein leises Grollen aus der Tiefe folgte.
Cresta stand an Deck eines soliden, schnellen Frachtschiffes. Der Wind spielte in ihrem grauen Haar, das Meer roch nach Freiheit – nach Sieg.
Hinter ihr lag die Burg, ihr ehemaliges Refugium. Die Höhlen darunter hatten ihr jahrelang gedient – nun waren sie zerstört, wie sie es geplant hatte. Spuren gelöscht, Zeit gewonnen.
Unter ihren Füßen, im Bauch des Schiffes, ruhten die letzten Fragmente eines uralten Portals. Ein Relikt aus einer Zeit, in der ihre Familie bereits im Verborgenen diente – jenem Wesen, das bald in diese Welt zurückkehren sollte.
Cresta lächelte.
Sie schlang den Arm enger um die junge Matrosin an ihrer Seite, ihre Hand glitt über deren Brust. „Komm mit. Ich will… etwas Ablenkung.“
Die Matrosin nickte stumm. Eigentlich zog sie Männer vor. Aber sich Cresta zu verweigern…
…war ein Risiko, das kaum jemand überlebte. Also folgte sie. Was auch immer Cresta verlangte – sie würde mitspielen.
Der Morgen auf der Burg beginnt früh.
Kundschafter kommen und gehen, die Umgebung wird sorgfältig durchsucht.
Im Keller arbeiten alle, die sich mit Fallen auskennen, zusammen mit den mitgereisten Handwerkern. Die Explosion hat etwa genauso viel freigelegt wie zerstört.
Die große Halle dient als Lazarett – sie ist voll.
Irgendwo darin liegt Otar: sein linkes Bein wurde amputiert.
Karas Wunde hat sich entzündet.
Wergo ist körperlich halbwegs stabil, aber seelisch zusammengebrochen.
Lady Resga liegt bewusstlos zwischen einfachen Soldaten.
Ein Lagerraum wurde zum Gefängnis umfunktioniert – für Offiziere und Würdenträger. Auch Blaubart ist darunter. Er wurde lebend vom Schlachtfeld geborgen.
Die übrigen Gefangenen helfen beim Begräbnis der Toten auf einem neu angelegten Friedhof.
Hegra, Tara und Torre – erschöpft, mit Verbänden und starkem Kaffee – bewachen eine dieser Gruppen.
Ein Mädchen, höchstens sechzehn Jahre alt, in einem ehemals edlen, jetzt zerrissenen und verschmutzten Kleid, bricht direkt vor ihnen zusammen und übergibt sich.
Torre reicht ihr seinen Becher.
„Bleib stark. Ein paar Tage noch – dann wird es besser.“
Jaron, der letzte der drei Generäle – Sir Potas ist gefallen – bemüht sich im Thronsaal, Ordnung zu schaffen.
Sein Kaffee ist mit einem alchimistischen Aufputschmittel versetzt – es ist die einzige Möglichkeit, noch aufrecht zu bleiben.
Tabasta – drei Monate später
Die Stadt war gewachsen. Vor der Mauer entstanden neue Hütten, geschützt von einer frischen Palisade – aus dem Provisorium war ein Vorort geworden.
Torre hatte sich als Paladin bewährt und war nun Jarons Stellvertreter. Hegra, inzwischen seine Frau, führte eine neue Eliteeinheit mit harter Hand und klarem Blick. Tara unterstützte beide als strategische Beraterin.
Die übrigen Weggefährten hatten sich zurückgezogen – in das Leben von Zivilisten. Alle waren Teil der Miliz geblieben, sogar Otar mit seiner Prothese. Leandra und Valgir lebten zusammen, ebenso wie Ines, mittlerweile Unteroffizierin, und GiGi, der seine Bar nie ganz aufgab.
Kalimba, nun blind und gezeichnet vom übermäßigen Einsatz seiner Kräfte, war zur stillen Autorität im Hintergrund geworden. Seine Stimme hatte Gewicht, seine Worte zählten.
Cresta Krug war verschwunden. Die Jagd nach ihr war erfolglos geblieben. Ihr Name schwebte wie ein dunkler Schatten über der Stadt – unausgesprochen, aber stets gegenwärtig.
Kapitel 6
Schloss Vargestra – tief in den Sümpfen
Cresta war ruhiger geworden – so ruhig wie seit vielen Jahren nicht mehr. In den alten Hallen ihrer Familie, verborgen im Nebel der Sümpfe, arbeiteten angeheuerte Experten an der Vollendung des Portals. Es war eine heikle Aufgabe – uralte Technik und Magie, längst vergessen von der Welt. Noch vier Monate, dann würde es vollendet sein.
Sie genoss die Zeit der Vorbereitung. Und sie genoss die Nähe ihrer neuen Gefährtin – einer Frau, die freiwillig bei ihr war.
Ines betrat Torres Arbeitsraum – die Tür stand offen. Er schrieb gerade einen Brief und murmelte leise: „Ja, gut. Lady Resga… danke… werde persönlich kommen… Paladin Torre.“
Dann läutete er das kleine Glöckchen auf seinem Tisch. Ein junger Rekrut erschien fast augenblicklich. Torre reichte ihm das Schreiben.
„Sehr eilig.“
