Ihr Name war Ines. Es war ihr erster echter Einsatz. Keine Brüder, also trat sie in die Fußstapfen ihrer Mutter und Großmutter – eine alte Kämpfertradition.

Das Gespräch war schlicht, ehrlich – und tat beiden gut.

Am Morgen erschien Jaron persönlich. Er sprach mit Ines, erkundigte sich nach ihrem Zustand. Kurz darauf war Aufbruch.

Kara, Otar, Torre und Razgar – der Schmied, der für diesen Einsatz den Schlachthammer gewählt hatte – bildeten ein Trupp. Ziel: Umgebung absuchen. Die gestohlene Fracht finden. Hinweise auf Drahtzieher sichern.

Nachmittags stoppte Kara die Gruppe. Sie schlich voraus – vorsichtig, systematisch.

Dann rief sie: „Hier! Die Büsche verdecken einen Höhleneingang!“

Der Zugang wurde rasch freigelegt. Gemeinsam schlichen sie ins Dunkel. Torre entzündete magisches Licht.

Kara ging voran. Nach etwa siebzig Schritten begann sie, Wände und Boden zu untersuchen.

„Schild“, forderte sie. „Die Falle muss ausgelöst werden. Entschärfen geht nicht.“

Torre reichte ihr seinen Schild.

Sie warf ihn gezielt auf den Boden. Ein metallisches Klicken – und sechs Bolzen schossen aus versteckten Vorrichtungen. Zwei durchschlugen den Schild beinahe.

Die Männer schwiegen – beeindruckt. Wäre Kara nicht gewesen…

Nach weiteren fünfzig Schritten öffnete sich der Gang zu einer Kammer. Kisten. Säcke. Lose Waren. Die vermisste Fracht der Räuber.

„Raus hier“, befahl Kara sofort. „Nichts anfassen. Ich hole Verstärkung. Ihr haltet draußen Wache.“

Und so warteten sie – vor dem Eingang, auf die nächsten Schritte.

Bei Einbruch der Nacht kam die Verstärkung.

Fünf Späher, vier Fallen-Sucher, zehn kampferprobte Krieger – und Jaron persönlich. Sie waren gut vorbereitet. Zwei Wagen, einer davon mit Ausrüstung und Proviant.

Die Fallen-Sucher verschwanden sofort in der Höhle – mit Fackeln und leuchtenden Artefakten. Ihre Arbeit begann lautlos und konzentriert.

Jaron trat zu Torres Gruppe und deutete auf einen der Wagen. „Eure Ausrüstung. Das Dorf wird gerade geräumt. Verwundete und Gefangene sind bereits auf dem Weg zum Kloster.“

Ein Nachtlager wurde errichtet. Feuerstelle. Schlafplätze unter wetterfesten Planen. Der Himmel war schwer, Regen lag in der Luft.

Torres Gruppe hatte für diese Nacht keinen Dienst. Nach der Lagebesprechung und ein paar kurzen Gesprächen zogen sie sich zurück.

Und zum ersten Mal seit Tagen schlief Torre ruhig. Kein Alptraum. Kein Aufschrecken. Als er vor dem Frühstück erwachte, fühlte er sich klar und bereit.

Die ganze Nacht hatten die Spezialisten gearbeitet. Fallen wurden entdeckt, entschärft oder umgangen. Dokumentation, Protokoll, Sicherheit.

Am Morgen versammelten sich die Kämpfer. Jaron, sichtlich müde, aber zufrieden, hörte sich die Berichte an. Dann wandte er sich an alle:

„Gut. Wir können rein. Die Kammern sind gesichert. Wir dokumentieren alles – keine Eigenmächtigkeit.“

Er sah die Männer und Frauen streng an. Dann wies er auf eine Gruppe.

„Fünf hier draußen – Wachposten. Der Rest folgt mir.“

Den ganzen Tag verbrachte die Gruppe in der Höhle – im Halbdunkel, zwischen Kisten und gestapelten Säcken. In der Hand: Zettel, Kohlestift, müde Konzentration.

Sie katalogisierten die Beute der Räuber – und stellten fest: Diese hatten alles Mögliche gestohlen. Werkzeuge, Stoffe, Kerzen, Seile, Schmuck, Kleidung, Bücher, Konservengläser – querbeet.

Beunruhigend war jedoch etwas anderes: Keine einzige Waffe war zu finden.

Und das, obwohl auf den erbeuteten Listen mehrere Feuerwaffen aufgeführt waren. Vor allem moderne Schwarzpulvergewehre.

Das Fehlen dieser Waffen ließ bei manchem den Schweiß auf der Stirn stehen.

Draußen regnete es in Strömen. Die Posten an den Eingängen litten still. Durchnässt. Kalt. Wach.

Es war längst Nacht, als der letzte von ihnen die Höhle verließ.

Jaron nahm alle Berichte wortlos entgegen. Sorgfältig, schweigend. Dann schwang er sich nachdenklich auf sein Pferd und ritt in die Nacht – ohne einen Vertreter zu ernennen.

Torre blieb am Feuer zurück. Müde. Dösig. Wergo hatte inzwischen das Kommando übernommen – provisorisch, aber mit Zustimmung aller.

„Geh schlafen“, sagte er leise zu Torre. „Du bist morgen wieder dran.“

In der Nacht weckte Razgar ihn. „Dein Zug. Kaffee steht am Feuer. Der Regen lässt nach.“

Torre nickte. Stand auf. Die Müdigkeit war bleischwer, aber die Pflicht rief.

Am nächsten Tag – und auch in der Nacht – herrschte organisierte Langeweile. Wache. Kurze Patrouillen. Immer die Augen offen.

Dann, endlich, Bewegung am Horizont.

Dreißig Wagen – in allen Größen. Und über fünfzig Personen.

Bauern. Handwerker. Händler. Sogar ein Alchemist war dabei.

Jaron hatte sie rekrutiert – zum Arbeitsdienst. Die Räuberbeute sollte gesichert, geprüft, gereinigt und verteilt werden.

Ein neues Kapitel begann.

Das Lager wurde erweitert. Am nächsten Tag rief Jaron alle Kämpfer, Späher und Kundschafter abseits der zivilen Arbeitskräfte zusammen.

„Ein weiterer junger Rekrut ist leider seinen Verletzungen erlegen. Alle anderen sind laut Loreana über den Berg. Sechs Tote – das ist ein guter Schnitt, wenn man bedenkt, dass sie uns fast drei zu eins überlegen waren. Ihr habt Großes geleistet. Ich bin geehrt, euch anzuführen. Morgen beginnen wir mit dem Verladen der Beute aus der Höhle. Die Zivilisten arbeiten, ihr sorgt für Sicherheit.“

Seine Stimme war ruhig, fast bedächtig.

Die Nachtwache wurde eingeteilt. Torre hatte die erste Schicht. Die Nacht blieb ruhig.

Am Morgen begann die Arbeit. Es dauerte fast zwei Tage, bis alles verladen war. Am Abend brach der Tross auf – sie würden durch die Nacht reiten.

Bei Sonnenaufgang erreichten sie Tabasta. Das große Tor wurde geöffnet. Schaulustige säumten die Straße zur Kaserne. Die Wagen rollten direkt in das große Lagerhaus.

Nach einer kurzen Nachbesprechung entließ Jaron alle: zwei Tage frei.

Torre schlief bis zum Abendessen. Danach ging er direkt zum Krankenhaus.

Hegra war wach. Blass – aber sie lächelte.

Ein langer, intensiver Kuss zur Begrüßung.

„Drei Tage, dann darf ich hier raus. Vier bis fünf Wochen, dann kann ich langsam wieder trainieren und leichten Dienst machen.“

„Das freut mich“, sagte Torre leise. Tränen standen ihm in den Augen.

Er blieb, bis Loreana ihn freundlich, aber bestimmt fortschickte. „Sie braucht Ruhe. Komm morgen wieder.“

Noch zu wach zum Schlafen, ging Torre in die Wachstube. Die war brechend voll.

Gerade noch ergatterte er einen Platz an der Theke. Keiner seiner engen Freunde war da.

Bevor er bestellen konnte, drückte ihm jemand ein Bier in die Hand.

„Willkommen zurück. Wir haben von Onbar gehört. Muss schlimm gewesen sein.“

Ein alter Soldat sah ihn ernst an.

„Ja… Ich würde heute lieber nicht darüber reden. Spielt ihr Würfel?“

Ein Nicken. Vier Leute stellten sich vor. Torre konnte sich ihre Namen nicht merken. Man würfelte und trank – bis nach Mitternacht.

Am nächsten Tag besuchte er Hegra, danach Kalimba. Den Nachmittag verbrachte er mit Wergo, Kara, Razgar und Leron.

Am folgenden Morgen: Versammlung auf dem Klosterplatz.

Die gesamte Stadt war versammelt. Gerüstete Soldaten standen an den Rändern.

Hasgar von Tabasta trat aus der Pforte, oben auf der breiten Treppe.

„Die Gerüchte sind wahr“, begann er mit fester Stimme. „Die Einsätze der letzten Tage haben eine große Gefahr offenbart. Rangos handelte auf Befehl unbekannter Drahtzieher. Drastische Befehle.“

Unruhe in der Menge.

„Ab sofort gelten neue Regeln.“

Ein Raunen ging durch die Menge.

„Alle Tore bis auf das Haupttor werden geschlossen. Auswärtigen ist das Tragen von Waffen verboten – sie sind der Wache zu übergeben oder die Stadt zu verlassen. Alle Bürger zwischen 16 und 60 sind nun Teil der Miliz. Nicht-kriegsrelevante Tätigkeiten werden eingeschränkt. Miliztraining beginnt morgen bei Sonnenaufgang.“

Überraschend gefasste Reaktionen. Kaum Protest. Nur angespannte Stille.

Binnen zwei Stunden war alles neu organisiert. Reisende entwaffneten sich ohne Widerstand. Kein einziger verließ die Stadt.

Die Bürger wurden in Milizgruppen eingeteilt. Torre wurde Stellvertreter unter Wergo – Ausbilder für 25 Männer und Frauen.

Das Miliztraining begann früh.

Es wurden Speere ausgegeben – vergleichsweise leicht zu erlernen und in Gruppenformationen besonders effektiv.

Torre demonstrierte die Grundlagen. Die Gruppe folgte, mit anfänglicher Unsicherheit. Doch gegen Mittag lief es bereits erstaunlich gut.

„Guter Anfang. Morgen – gleiche Zeit, gleicher Ort“, verkündete Torre mit fester Stimme.

Wergo, der das Training beobachtet hatte, nickte ihm anerkennend zu.

Am Nachmittag folgte das Training mit den regulären Soldaten. Brock leitete die Übungen – hart, strukturiert, wie gewohnt.

Auch der nächste Tag verlief fast identisch.

Am Abend trat Torre in seine Kammer – und blieb stehen. Bis auf Möbel und einen Zettel auf dem Bett war sie leer.

Er hob den Zettel auf.

„Habe vom Krankenhaus aus was organisiert. Kammer 103 ist jetzt unsere. – Hegra“

Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Er machte sich sofort auf den Weg.

Kammer 103 – Hegra saß bereits auf dem neuen, großen Bett. Zwei Rüstungsständer standen in der Ecke, ein Tisch mit drei Stühlen an der Wand, ein großer Schrank gegenüber.

Beide lächelten.

„Schöne Überraschung. Vor allem, dass du hier bist. Wie geht’s dir?“

„Besser. Kaum noch Schmerzen. Die Verbände bin ich bald los.“

Ein Kuss. Eine Umarmung. Die Nähe tat beiden gut.

Die Lust wuchs – doch Hegra schüttelte sanft den Kopf.

„Gib mir noch ein paar Tage. Ich hätte Lust, aber es tut alles noch zu sehr weh.“

„Natürlich“, sagte Torre ruhig. „Wann immer du bereit bist.“

Die nächsten Tage verliefen monoton – aber friedlich.

Hegra wurde stärker. Sie unternahm mehr, war öfter draußen. Ihre Freunde und Torre begleiteten sie, wann immer nach Training und Wachdienst Zeit blieb.

Zwei Wochen vergingen.

Hasgar lockerte die Trainingspläne. Das Leben normalisierte sich.

Aber allen war klar:

Dies war nur die Ruhe vor dem Sturm.

Die Nachrichten der Kundschafter wurden konkreter.

Ein feindlicher Herr war auf dem Weg – zahlreich, organisiert, gut ausgerüstet. Er würde Tabasta in weniger als einer Woche erreichen. Die Stadt war ihm zahlenmäßig deutlich unterlegen.

Hasgar reagierte sofort.

Bewohner aus den umliegenden Dörfern wurden in die Stadt gebracht – ebenso sämtliche Lebensmittel, Waffen, Werkzeuge. Es sollte dem Feind nichts bleiben, was er plündern konnte.

In der Stadt wurde es eng.

Wergo und Kara zogen mit dem Nötigsten zu Torre und Hegra. Ihre Kammer wurde für Kämpfer aus den Dörfern gebraucht. Immerhin waren sie zu viert. Andere schliefen zu acht in gleich großen Räumen.

Die Mauer wurde ein letztes Mal ausgebessert – eigentlich war sie in gutem Zustand. Kriegsmaschinen wurden gebaut, montiert, ausgerichtet. Pfeile, Bolzen, passende Bögen und Armbrüste wurden gefertigt. Schwere Steine gesammelt und auf der Mauer verteilt.

Die auswärtigen Besucher, die zuvor entwaffnet worden waren, schworen einen Eid auf die Stadt. Sie wurden zu Bürgern auf Zeit – und erhielten ihre Waffen zurück.

Jetzt wurde jeder gebraucht.

Nach fünf Tagen war alles vorbereitet. So gut es eben ging.

Die Tore wurden geschlossen und von innen verstärkt. Waffen verteilt. Vorräte vollendet.

Hasgar hatte vorgesorgt – und die Stadt stand bereit.

Das Warten begann.

Der dritte Morgen.

Die Glocken der beiden Klostertürme begannen zeitgleich zu läuten – das Zeichen: Der Feind war da.

Torre, der halb gerüstet geschlafen hatte, wurde sofort wach. Mit Hegras Hilfe legte er das restliche Zeug an, schnallte Schild und Schwert, und eilte los – zu seinem Mauerabschnitt zwischen Haupt- und Osttor.

Auf dem Weg: Zwei junge Milizionärinnen, die sich unter Tränen von ihren Großeltern verabschiedeten. Direkt am Maueraufgang: Ein Paar aus seiner Gruppe übergab ihr Kleinkind an einen der Heiler. Torre schluckte schwer. Dieser Kampf hatte Bedeutung. Für viele.

Wergo war bereits da. Innerhalb weniger Minuten waren sie vollzählig.

Wergo kletterte auf eine der Zinnen.

„Für das, was jetzt kommt, haben wir trainiert. Was immer geschieht – diese Mauern werden nicht fallen. Wir halten sie auf! Wenn alles gut geht, erreichen uns innerhalb einer Woche Verstärkungen. Die Boten sind längst unterwegs. Also lasst uns mutig zusammenstehen!“

Jubel. Kriegsschreie. Fäuste auf Schilde.

Die letzten Handgriffe folgten – Miliz und Soldaten arbeiteten Seite an Seite. Keine Rivalität, keine Kompetenzstreitigkeiten. Nur Ernst und Vorbereitung.

Vor dem Haupttor begann die feindliche Armee, sich aufzufächern – rund fünfhundert Schritte entfernt. Wie ein Halbkreis schob sich der Bogen aus Rüstungen und Speeren vorwärts.

Ein einzelner Reiter näherte sich dem Tor. Schwarz gerüstet. Keine Abzeichen. Keine Banner.

„Übergebt die Stadt – oder sterbt!“

Hasgar trat ans Fenster über dem Tor. Seine Stimme hallte zurück.

„Niemals! Verschwindet – oder sterbt selbst!“

Der Reiter kehrte wortlos um. Der Feind schloss die Lücke – der Kreis um Tabasta war nun vollständig.

Am Abend wurden leichte Belagerungsmaschinen vor den Toren positioniert – aber kein Angriff folgte.

Mitternacht.

Torre und Wergo hatten den Trupp geteilt. Die eine Hälfte lagerte am Fuß der Mauer – in der Hoffnung auf etwas Schlaf. Die andere war auf Position.

Dann erschien Hegra – in voller Rüstung, bewaffnet, entschlossen.

„Ich weiß, ich sollte nicht hier sein. Loreana würde das nicht gutheißen. Aber ich bin Kriegerin. Ihr braucht jede Waffe.“

Sie sprach schnell – aus Angst, abgewiesen zu werden.

Torre und Wergo tauschten einen Blick. Die Rüstung lastete schwer auf ihr – aber ihre Augen waren klar.

Wergo nickte Torre zu. Der zog eine Münze aus der Tasche und reichte sie ihm wortlos.

Dann sagte Torre ruhig:

„Du kommst später als erwartet. Klar kannst du helfen. Aber solange wir von der Mauer aus kämpfen, brauchst du keine volle Rüstung. Die Miliz wird schwer zu führen sein – sie kennen diesen Druck nicht. Hilf uns, sie zusammenzuhalten.“

Hegra nickte. Dann küsste sie Torre – kurz, aber fest.

Sie verschwand die Mauer hinab, legte die Rüstung in eine Nische und ging zum Feuer.

Niemand schlief. Nicht in ihrer Hälfte.

„Hallo“, sagte sie ruhig. „Ich bin Hegra. Was sind gerade eure größten Ängste?“

Torre und Wergo beobachteten sie – und brachen dann zufrieden ab. Ihre Entscheidung war richtig. Die Moral an ihrem Abschnitt war in guten Händen.

Morgengrauen.

Steinkugeln krachten gegen Tore und Mauern – bedrohlich, aber fast erleichternd. Es hatte begonnen.

Der Beschuss zeigte keine nennenswerte Wirkung, doch er wurde fortgesetzt. Genauso wie der eigene Gegenbeschuss – kaum effektiv auf diese Entfernung, aber unbeirrt und stetig.

**Jaron an den Zinnen.** Er schritt über den Wehrgang, beantwortete Fragen, gab kurze Anweisungen, ließ sogar hin und wieder einen derben Scherz fallen.

Er erreichte Torre. „Alles gut bei euch? Konntet ihr Hegra einbinden?“ „Ja. Und die anderen Abschnitte?“ „Im Norden ist die Miliz etwas nervös, sonst läuft alles.“ Jaron ging weiter.

**Loreana – mit Blicken, die sprachen.** „Was macht die da unten? Sie ist nicht fit genug.“ „Dann sag es ihr. Ich werde es nicht tun.“ Sie reichte Torre Wasser und etwas zu essen – und ging wortlos weiter. Sie wusste, was er meinte. Und sie würde Hegra den Einsatz nicht verwehren – nicht inmitten einer Belagerung.

**Mittag.** Wergo löste Torre ab. Der kletterte hinunter, legte sich an der Mauer nieder und döste wenigstens ein wenig.

**Auf der anderen Seite der Mauer:** Razgar stand mit Leron und Otar. „Hier – zusätzliche Bolzen. Drei große Ballisten werden heute Abend fertig, dann haben wir endlich mehr Reichweite.“ Die beiden Krieger nickten. „Danke. Wir geben es weiter.“

**Am Tor – Kalimba und Brock.** Kalimba betrachtete alles mit ruhigem Blick. „Sieht gut aus. Und ich habe die hohen Kosten damals bemängelt… zum Glück wurde ich überstimmt.“ Brock lächelte nur. Ein knapper Moment des Einvernehmens.

**In der Taverne – jetzt Feldküche und Notfalllazarett:** GiGi und Ines standen am Kessel. Beide verschwitzt, erschöpft. Für eine ganze Stadt zu kochen war kein Leichtes. Sie gönnten sich ein paar Sekunden Pause, dann ging es zurück an die Suppe für den Abend.

Überall geschäftiges Treiben. Waffen. Wasser. Worte. Und über allem: das dumpfe Grollen der Steinkugeln, die wieder und wieder gegen die Mauern schlugen.

Die Nacht senkte sich über Tabasta.

Der Belagerungsring begann zu leuchten – Fackeln und Lagerfeuer warfen flackerndes Licht über Zelte und Gerüste. Die Stadt selbst blieb dunkel. Nur das Notwendigste wurde erhellt – man sparte Brennstoff.

Dann: Heulen. Schreie. Trompeten. Trommeln.

Laute, durchdringende Töne, lauter noch als das Krachen der Geschosse. Die Mauern bebten – nicht physisch, sondern im Geist. Die Miliz wurde unruhig. Damit hatten sie nicht gerechnet. Selbst einige der jüngeren regulären Soldaten begannen zu wanken.

Offiziere eilten über Zinnen und Treppen, sprachen beruhigend: „Nur Einschüchterung! Sie wollen, dass wir nicht schlafen! Das ist Taktik, nichts weiter!“ Immer wieder die gleichen Worte – in Variationen, mit Mühe und Stimme.

**In der Stadt:** Rita – eine rüstige Siebzigjährige – hatte einen Versorgungsdienst aufgebaut für jene, die in ihren Häusern geblieben waren. Mit dem Beginn des akustischen Terrors hatte sie alle Hände voll zu tun. Sie tat, was auch die Offiziere an der Mauer taten: Sie erklärte. Und sie beruhigte.

**Gleichzeitig – im Schutz der Dunkelheit:** Die neuen Ballisten wurden heimlich in Stellung gebracht.

**Mitternacht.** Die Geräuschkulisse war kaum zu ertragen. Kaum jemand konnte schlafen.

Torre, Wergo und Hegra standen gemeinsam auf der Mauer. Sie hatten ihr Bestes gegeben, um die Männer und Frauen bei sich zu halten – wach, bereit, kontrolliert. Die meisten standen nun verteilt, beobachteten den Belagerungsring.

**Über dem Haupttor – auf der Plattform:** Eine der neuen Ballisten wurde gespannt. Ein Pfeil mit alchemistischer Füllung – Valgirs Geheimmischung – wurde geladen.

Jaron, Kalimba und Hasgar standen eine Etage tiefer am Fenster. Razgar, der Schmied, legte selbst Hand an.

Er löste den Schuss aus.

Eine Explosion im feindlichen Ring. Jubel auf der Mauer. Valgirs Mischung hatte funktioniert.

Auch die anderen Ballisten feuerten – zwei weitere Explosionen folgten.

Bevor man erneut spannen konnte, wurde es still.

Der Feind hatte alle Lichter gelöscht.

Kein Ziel mehr.

**Warten auf den Morgen.**

Die Stimmung in der Stadt war besser als zu Beginn der Nacht.

Mit dem ersten Licht des Tages begannen die Ballisten wieder zu schießen.

Lange Pausen zwischen den Schüssen, aber höchste Präzision – Razgar und Valgir hatten sich selbst übertroffen.

Das Gegenfeuer der Belagerer wurde schwächer. Bis zum Mittag war es vollständig verebbt – der Feind hatte sich außerhalb der neuen Reichweite zurückgezogen.

Die Stadt jubelte. Euphorie überall.

Hasgar gab Wein frei – zwei Becher pro Person.

Dass bereits die Hälfte von Valgirs explosiver Mischung verbraucht war, wussten nur fünf: Hasgar, Kalimba, Jaron, Valgir selbst und Brock. Und so sollte es auch bleiben.

**Zrago**, Anführer der Truppen aus seinem Dorf, nutzte die Ruhe – endlich Schlaf.

**Loreana**, bisher eher Küchenhilfe und „Kellnerin“ auf der Mauer, wollte gerade entspannen, als **Rita** sie rief: „Jarina – die Wehen haben eingesetzt! Viel zu früh!“

Loreana war sofort wach. „Bring mich hin. Dann: sauberes Wasser. Tücher. Und den Vater!“

**Kurz nach Mitternacht – Osttor.**

Hegra beruhigte den nervösen Hosgar, der zu ihrem Trupp gehörte.

Dann – Babygeschrei.

Loreana trat aus dem Haus. „Ein Mädchen. Etwas klein, aber gesund. Und kräftig. Geh jetzt – sie schläft.“

Hosgar ging hinein. Tränen in den Augen. Rita reichte ihm das Kind – seine Tochter.

**Zurück an der Mauer:** Hegra kehrte zu Wergo und Torre zurück. „Ein Mädchen. Gesund. Hosgar braucht etwas Zeit – geben wir sie ihm. Es ist gerade ruhig.“ Beide Männer nickten.

**Zur selben Zeit – draußen vor der Stadt:**

Kara lag im Graben. Müde. Hungrig. Aber mit Auftrag. Entführung. Je höher der Rang – desto besser.

Dann: Ein Ziel. Vier Streifen auf der Schulter. Er trat an den Grabenrand – um zu urinieren. Beinahe auf sie.

Sie wartete. Bewegte sich, als er sich abwandte – fließend, lautlos. Ein Schlag. Fangen. Fesseln. Knebeln. Alles in Sekunden. Niemand hatte etwas bemerkt.

**Umar** kroch zu ihr. Ein stummes Nicken. Lob. Dann packte er mit an.

**Morgengrauen – tief unter der Kaserne.**

Jaron führte das Verhör selbst – zusammen mit **Tara**, der Magierin.

Der Gefangene war zäh. Körperlich und geistig. Aber sie knackten ihn.

**Lord Blaubart** – ein südlicher Adliger, Anhänger Zezest – war der geheime Drahtzieher. Korruption durch das das Urböse? Möglich. Doch laut Taras Analyse: Der Offizier war sauber – zumindest magisch.

Ein Schatten war aufgedeckt. Doch viele Fragen blieben offen.

Oben auf der Mauer.

Leron betrachtete die Front. Zu ruhig – viel zu ruhig.

Dann kamen sie: drei gepanzerte, überdachte Rammböcke – direkt auf das Westtor zu.

Er blies in sein Horn.

Die Balliste feuerte – zu weit. Dann die Katapulte: ein Treffer! Ein Rammbock zerstört – zwei erreichten das Tor.

Das Tor ächzte. Laut. Zu laut. Funken schlugen. Magie war im Spiel. Dunkle Magie.

Torre wurde von Wergos Ruf geweckt: „Alles aufstehen! Aufstellung! Sie brechen das Westtor!“